Druckschrift 
Tourismus und Regionalkultur : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1992 in Salzburg
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

88

Adelheid Schrutka- Rechtenstamm

Schon 1957 sprach Richard Weiß von der Portiermentalität" als dercharakteristischen Berufsprägung durch den Fremdenverkehr. Zwei Ge-sichter, zwei Haltungen, zwei Maßstäbe seien zu beobachten, von denender eine für den Fremden, der andere für den Hausgebrauch bestimmt sei.Rollenspiel und Inszenierungen sind dem Tourismus immanent. HermannBausinger, der als einer der ersten von volkskundlicher Seite den Touris-mus in seine fachbezogenen Überlegungen miteinschloß, schreibt von einerDoppelrolle, die die Einheimischen spielen, sobald sie durch den Touris-mus mit ihren eigenen Normen in Konflikt geraten³.

Je mehr allerdings der Kontakt die Privatsphäre des Bereisten betrifft,um so schwieriger ist es, die Doppelrolle beizubehalten, das Leben auf undhinter der Bühne- ich verwende hier absichtlich den Theatervergleich vonGoffman⁹ voneinander zu trennen. Beide Bereiche färben aufeinanderab. Besonders deutlich ist dieses Phänomen bei nichtgewerblichen Vermie-tern zu beobachten, da hier nicht nur durch die geringe Zahl der Touristen,sondern auch durch räumliche Nähe( Zimmer im gleichen Haus) intensi-vere Kontakte möglich sind und, wie eben erwähnt, auch erwartet werden.Gerade bei diesen Begegnungen kommt es dadurch auch zu Spannungenzwischen der familiären und der öffentlichen Rolle. Wie aus zahlreichenInterviews herauszulesen ist, entspringen diese zusätzlichen Leistungennicht nur der Verpflichtung, daß der zahlende Gast zufrieden ist. Als zwei-tes Merkmal ist eine Verbindlichkeit zu beobachten, die ihren Ursprungin den Gesetzen der traditionellen Gastfreundschaft hat, denen man sichverpflichtet fühlt.

Peter Stringer10 spricht von neu entstehenden Beziehungen beyondcommercialism", also jenseits des Kommerziellen", und damit kommeich zur zweiten Interpretation des Eingangszitats. Die Gäste fühlen sichwohl bei uns" drückt auch den Stolz auf die eigene Leistung aus, die denGästen über die Bezahlung hinaus geboten wird und die Zufriedenheit mit

8

7 Richard Weiß: Alpiner Mensch und alpines Leben in der Krise der Gegenwart. In: DieAlpen 33, 1957, S. 209–224. Nachdruck in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde58, 1962, S. 232-254, hier S. 239.

Hermann Bausinger: Volkskunde. Von der Altertumskunde zur Kulturanalyse. Ber-lin Darmstadt[ 1970], S. 163f.

9 Vgl. Erwing Goffman: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag.München 1969.

10

Peter Stringer: Hosts and guests. The bed- and- breakfast- phenomenon. In: Annalsof tourism research 1981, S. 357–376.