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Europäische Volksliteratur : Festschrift für Felix Karlinger
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Die Geschichte von Kaiser Trajan und der Witwein der Romsage, Volkserzählung und Dichtung

Von Claus Riessner

Im frühen Mittelalter erzählte man in Rom die folgende Geschichte:Papst Gregor der Große ging einst über das Forum des Trajan und be-wunderte die herrlichen Bauten und Bildwerke, die zu seiner Zeit nochdort zu sehen waren. Dabei erfuhr er, daß der römische Kaiser sicheinmal durch eine besondere Handlung der Gerechtigkeit ausgezeichnethabe, wobei sich folgendes zugetragen haben soll: Trajan wollte ge-rade zu einem Kriegszuge ausreiten, als ihn eine arme Witwe weinendanflehte, zuvor die am Tode ihres einzigen Sohnes Schuldigen zu be-strafen und ihr zu ihrem Recht zu verhelfen. Er sagte ihr zu, dieSache sofort nach seiner Rückkehr zu erledigen, doch die Frau hieltihn mit den Worten auf: Und wenn du nicht zurückkehrst?" Als derKaiser sie damit vertröstete, daß dann sein Nachfolger sich um siekümmern werde, entgegnete ihm die Frau:, Dein Ansehen wird es nichtvermehren, wenn ein anderer an deiner Stelle mir Recht spricht".Durch diese Worte bewegt, stieg der Kaiser vom Pferd und verhalfder Witwe noch vor seiner Abreise zu ihrem Recht. Die Erzählung vonder Gerechtigkeit Trajans ergriff Papst Gregor dermaßen im Innersten,daß er so lange für das Seelenheil des heidnischen Glossar ::: zum Glossareintrag  heidnischen Kaisers betete, bisdieser von den Qualen der Hölle erlöst wurde.

In dieser Form etwa wird uns die Geschichte in den beiden Lebens-beschreibungen des Papstes überliefert, die von Paulus Diaconus( um799) und Johannes Diaconus( Hymmonides; um 880) stammen 1, undwir haben versucht, sie nach ihren wesentlichen Elementen auf dieserGrundlage nachzuerzählen. Hinzuzufügen ist allerdings, daß die Trajan-geschichte sich in der Folge als Interpolation in der Gregorvita desPaulus Diaconus herausstellte 2, während jedoch gleichzeitig ihre Existenz

1 Migne, Patrologia Latina 75, 56 f. u. 104 f. Beide Versionen wurden über-nommen in die Acta Sanctorum, Bd. VIII( Martii T. II, Paris- Rom 1865),unter dem 12. März, S. 135 u. 153.

2 H. Grisar, in: Zeitschrift für katholische Theologie" XI( 1887), S.158-173( Ausgabe des ursprünglichen Paulus Diaconus- Textes).

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