Zwischen Volksbuch, Bildgegenwart und Legenden-
erzählen in Südosteuropa
Von Leopold Kretzenbacher
Oft und oft war es mir auf den weiten Wanderungen zur vergleichend-volkskundlichen Feldforschung in Südosteuropa aufgefallen, wie sehrdoch Bilder, seien es Fresken zwischen Mittelalter und Barock, seien esIkonen verschiedenster Jahrhunderte bis herauf über den Verzicht ihrerMaler auf die einstmals kanonartige Strenge der Themengestaltung, ein-ander bedingen. Dies besonders im orthodoxen Spätmittelalter und sei-ner langen Nachwirkung aus dem sogenannten„, Narrativen Stil" 1, wennsie im ,, Wissen" um geistliche Überlieferung in erzählter Prosa Stützefür Betrachter und Erzähler sind. Aber es ist wenigstens mir doch ganzoffenbar, daß über der vielzitierten und so oft meines Erachtens starküberbetonten„, mündlichen Überlieferung" 2 fast ebenso wie dem Bildeauch der gedruckten Überlieferung zumal im sogenannten„ Volksbuch“
1 Zu den Stilkriterien dieser Epoche vgl.( in Auswahl):
Sv. Radojčić, Staro srpsko slikarstvo. Belgrad 1966. Der Verf. begrenztdiesen narativni stil im besonderen Traditionsbereich der serbischen Malereiallerdings mit 1300-1370 und läßt für den Ausgang des Mittelalters nocheinen„, dekorativen Stil"( 1370-1459) folgen. Zur Fortwirkung in einemdem europäischen Westen kaum bekannten„ Barock" der serbischen Ortho-doxie vgl. die auch hinsichtlich der Ikonographie sehr aufschlußreichen reichmit Bildern ausgestatteten Werke von
D. Medaković, Putevi srpskog baroka( Die Wege des serb. B.), Belgrad1971;
derselbe, Tragom srpskog baroka( Auf den Spuren des serb. B.), ebenda1976.
2 Vgl. an neueren Studien( in Auswahl):
R. Nicolescu, Actualitatea problematicii oralitații folclorice.( Revista deetnografie şi folclor 15, Bukarest 1970, 243-247; als Bericht über eine Tagungzu Budapest 1969; vgl. Demos 11, 1970, Nr. 147);
D.-R. Moser, Kritik der oralen Tradition. Bemerkungen zum Problem derLied- und Erzählungspopularisierung.( Bericht über den Kongreß der Inter-national Society for Folk- Narrative Research von 1974, Helsinki 1976, 209bis 221);
L. Schmidt, Die Volkskultur der Babenbergerzeit.( Österreichische Zeit-schrift für Volkskunde, XXX/ 3, Wien 1976, 187-210, bes. 190 f. über den
88