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Europäische Volksliteratur : Festschrift für Felix Karlinger
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Aixo era y no era

Über den Wahrheitsbegriff und seine sprachliche Ausgestaltung improvenzalischen Märchen

Von Gertrud Gréciano

Bereits seit den Brüdern Grimm hat die sprachwissenschaftliche Aus-einandersetzung mit dem Märchen den Reiz der Neuheit eingebüẞt. Ob-gleich philologische, besser historische Betrachtungen( v. Sydow, 1948)inzwischen von Strukturalismus( T. Sebeok, 1956; Cl. Lévy- Strauss,1957) und textimmanenter Ästhetik( M. Lüthi, 1975) abgelöst wurden,bleiben orthodox linguistische Beiträge zur Märchenforschung eine Sel-tenheit. Die langdauernde grammatiktheoretische, pädagogische undautomatische Zielgerichtetheit der Disziplin erklärt teilweise diesen Um-stand. Dem Abbau des verbreiteten Vorurteils über die Anwendungslosig-keit sprachwissenschaftlicher Forschung ist folgender Versuch gewidmet.Angesichts der durch die verschiedenen Definitionsversuche aufgedeck-ten Wesenszüge des Märchenbegriffs 1 scheint- aus der Vielfalt lingui-stischer Disziplinen die sprachphilosophische besonders angemessenund aufschlußreich. Unter Sprachphilosophie sind jene Richtungen zuverstehen, die Fragestellungen der Erkenntnistheorie und der Logik zumAusgangspunkt für ihre Sprachanalyse nehmen 2. Mit der Verlagerungdes Hauptgewichtes der zeitgenössischen linguistischen Forschung aufdie Semantik die Verbreitung der Generativen, der Interpretativenund Natürlichen Semantik zeugen davon sind sprachphilosophischeErwägungen in den Vordergrund getreten.

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Wenn nun gerade das Märchen als Erkenntnisorgan betrachtet wird ³,so sind es seine Sprache und textuelle Struktur, die dem Volkskundler,dem Ethnologen, dem Religions- und auch dem Literaturwissenschaftler1 Bereits die vulgarisierte Fassung im Wörterbuch der deutschen Gegenwarts-sprache weist auf ontologische Grundfragen hin: Märchen: auf Volksüberlie-ferungen beruhende, oft auch als literarisches Kunstwerk gestaltete, kurze Er-zählung, in der von wunderbaren und phantastischen Begebenheiten berichtetwird. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Definitionsproblemen inKarlinger, 1973, bei Karlinger, Naumann, Panzer, Spamer, Lüthi, Pop.2 Überblick in Kutschera, 1971, und Schnelle, 1973.

3 Lüthi, 1975, S. 93.

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