Die ,, Volksliteratur" und die Geistesgeschichte
Von Alexandru Duțu
Zwei zeitgenössische Tendenzen fördern das bessere Erfassen der Ver-schiedenartigkeit europäischer Kulturformen: die, welche sich mit derGesamtheit der von den Gesellschaften der Vergangenheit geschaffenenZeichen auseinandersetzt, und die, welche über die Grenzen der offiziel-len Kultur hinausgeht, um bis zum Grund der populären Äußerungenvorzudringen. In ,, La réalité figurative" spricht Pierre Francastel überdie beherrschende Wirkung, welche die Drucktechnik nach Gutenbergauf die europäische Zivilisation ausgeübt hatte;„, aber wir leben gegen-wärtig in einer Epoche", stellt er fest,„, in der das bildliche Zeichen unddie künstlerischen Techniken wieder über das Schriftzeichen die Ober-hand gewinnen. Die Kenntnis der Bilder, ihres Ursprungs und ihrerGesetze ist einer der Schlüssel zum Verständnis unserer Zeit" 1. DieWissenschaftler der Geistesgeschichte, vor allem die, welche dem„, Cou-rant des Annales" angehören, traten für pluri- und interdisziplinäre Stu-dien und Vergleiche ein. Gleichzeitig richteten sie ihre Forschungen aufbis jetzt noch zu wenig beachtete Bereiche und auf Kulturgebiete mitdeutlich eigenständigen Zügen aus. Ihre Untersuchungen erstrecken sichauf isolierte Dörfer oder von der Hauptstadt weit entfernte Regionen.Es wird immer deutlicher, daß die Kultursprache durch die Jahrhunderteund quer durch den Kontinent nicht gleich geblieben ist. Im Mittelaltermachten die Zeichen Prinzipien offenkundig, die allgemein anerkanntoder nur teilweise angefochten wurden.„ Der Gedanke kleidet sich so-fort in ein bildliches Zeichen“, versichert Huizinga,„, und diese Formgenügt, um die gewünschten Assoziationen hervorzurufen, ohne daß esnotwendig wäre, die Allegorie im Detail zu erklären. Der Gedanke löstsich im Bild auf, wie er sich für uns in der Musik auflösen kann. Manerinnere sich an die allegorischen Figuren des Roman de la Rose. Füruns bedarf es einer Anstrengung, uns Bel Accueil, Doulce Mercy undHumble Requeste vorzustellen. Für die Menschen im Mittelalter besaßenjedoch diese Figuren einen sehr lebendigen ästhetischen und sentimen-1,, Art et sociologie". Erstes Kapitel des auf Rumänisch zitierten Buches„, Re-alitatea figurativă", Bucureşti, Editura Meridiane, 1972, p. 66.
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