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Europäische Volksliteratur : Festschrift für Felix Karlinger
Entstehung
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Fliegende Blätter auf Sardinien

Von Enrica Delitala

In den Studien zur italienischen Poesie war sie lange Zeit unbeachtet:die Produktion, die in fliegenden Blättern und Volksbüchern verbreitetwurde, und, allgemeiner gesagt, die volkstümliche oder halbpopuläreDichtung, die der Zwischenstufe. Während nämlich die gehobene Dich-tung immer ein Bereich der Literarhistoriker( in diesem Fall, der Ita-lianisten) gewesen ist, und die Volksdichtung in die Kompetenz der Er-forscher der Volkskunde fällt, war die volkstümliche Dichtung denInteressen einiger weniger überlassen, ohne daß es gelang, sie zu einemStudienbereich zu machen, der über einen eigenständigen Charakterund eine eigene Methodik verfügt. Natürlich sind die Wechselfälleunserer Geschichte dieser Studien komplexer, als es in dieser Darstel-lung, die aus Platzgründen vereinfacht ist, erscheinen könnte; es ge-nügt aber, auf die bekannten Arbeiten von Santoli oder Toschi hinzu-weisen, oder auf das neue Interesse, welches sich gegenwärtig auch fürdiese literarischen Ausdrucksformen abzeichnet. Es steht aber fest, daßdie Studien über volkstümliche Poesie( vor allem der durch Drucke ver-breiteten) keine Kontinuität gehabt haben, und daß sie quantitativ beiweitem denen aus anderen Bereichen unterlegen sind, und daß selbst dieVersuche zur Definition dieses Genus nicht immer klärend waren.Diese Lücke in unseren Studien kommt, meiner Meinung nach, großen-teils aus der Art und Weise selbst, in der die uns interessierende Poesiedefiniert und auch benannt worden ist. Der Ausgangspunkt ist nämlichdie Bestimmung zweier in Opposition stehender Formen von Dichtung:die gehobene und die populäre. Auf der einen Seite ist es möglich, ge-schriebene Dichtung zu identifizieren, die an die Urheberschaft einesAutors gebunden ist und daher einen nicht veränderlichen Text hat, indem der Dichter bereits bestehende Reimschemata verwendet oder neuemetrische Strukturen oder Sprachen prägt und solcherart sein Weltbildausdrückt. Auf der anderen Seite existieren mündlich überlieferte Texte( und die Oralität fällt mit dem Gesang zusammen), anonyme, die lau-fend dem Prozeß populärer Ausarbeitung unterworfen sind und daherimmer verändert werden, vor allem auf der Ebene des Inhalts. Zwischen

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