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1 (1911) Österreichische Volkskunst : aus den Sammlungen des Museums für Österreichische Volkskunde in Wien. [1] / Illustrierter Textband
Entstehung
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abgeschwächte, vereinfachte und verarmte, auch zeitlich viel später auftretende Fort-erstreckung der westländischen Hafnerkünste, wie an betreffender Stelle gezeigtwerden wird. Die letzte der oben aufgestellten Gruppen österreichischer Volkskeramik,die südlich- italienische, wird durch die auffallende Tatsache charakterisiert, daßalle höher entwickelten und volkskünstlerisch bedeutenden Formen( zumal die Majo-liken) fremder italienischer Import sind, an welchem die einheimische Bevölkerunglediglich als Konsument form- und geschmacksbestimmend mitgewirkt hat, währenddie gewöhnliche Hafnerarbeit in Istrien und Dalmatien durch sehr altertümliche undprimitive Glossar ::: zum Glossareintrag primitive Technik, mangelhafteste Dekoration und vielfach an antike Tradition er-innernde Formengebung charakterisiert ist.

Wir wollen nun der Reihe nach die aufgestellten Gruppen, jede zunächst fürsich und sodann vergleichend, betrachten und scheiden das ganze Material nachseiner Eigenart( Technik und Verzierung) in zwei Abteilungen: 1. Die farbige, teil-weise bemalte Glasurware, 2. die bäuerliche Majolika( Fayencen).( Von demrohen, unglasierten oder graphitierten Geschirr ist hier nicht der Ort zu reden.)Während die erstere, namentlich in den Alpenländern, aber auch sonst, namentlichin Mähren und Ostgalizien massenhaft ihre Erzeugnisstätten gehabt hat, ist die Pro-duktion von Majolika eine verhältnismäßig spärliche, auf bestimmte Gebiete und mit-unter auch rücksichtlich der Zeitepochen beschränkte gewesen, die uns heute, beigewonnenem Überblick über das Material, der Hauptsache nach überall bekannt ge-worden sind, wenn auch die Zuweisung der uns erhalten gebliebenen Typen undvollends einzelner Exemplare an bestimmte Erzeugungsorte( oder wohl gar an be-stimmte Werkstätten) durchaus nicht immer möglich ist.

1. Die Glasurware.

Wir behandeln zunächst die erste Gruppe, welche allerdings auf künstlerischeBedeutung nicht den gleichen Anspruch erheben kann, wie die Gruppe der Majoliken,die indessen doch durch ihre größere Formenfülle, ihre engere Beziehung zum Haus-halt und zur ländlichen Wirtschaft, endlich durch ihre bescheidenen, echt volks-künstlerisch verwerteten Mittel der Dekoration wohl die gleiche Beachtung verdientwie die von höherem Kunstbetrieb abstammende Majolikaerzeugung mit ihrer fastausschließlich auf rein technische, sowie malerische Qualitäten sich stützenden Kunst-bedeutung. Beide Gruppen sind übrigens bis um die Mitte des XIX. Jahrhundertsaus den Händen echt volkstümlicher, in althergebrachten Zunftordnungen geregelterBetriebe hervorgegangen.

Unter den alpenländischen Gebieten treten Oberösterreich und Salzburg, inzweiter Linie Niederösterreich und Tirol auf keramischem Gebiete hervor, währendSteiermark, Kärnten und Krain mit bedeutend geringerer Produktion, sowohl was Mengeund Qualität betrifft, stark zurückstehen. Überall aber sinkt das Gewerbe der Hafnervon der im XVIII. Jahrhundert erreichten Höhe gegen die Mitte des XIX. Jahr-hunderts in auffälligstem Maße herab. Der Bezirk des Hafnerhandwerks von Wiener-Neustadt umfaßte nach der Zunftordnung der Töpfer von Wiener- Neustadt 1778 dieWerkstätten von Neustadt, Ebenfurt, Gloggnitz, Kirchschlag, Loipersdorf, Sollenau,Neunkirchen( wo eine ganze Hafnergasse bestand), Pottschach und die übrigenzwischenliegenden Orte: Aspang, Brunn a. St., Fischau, Gutenstein, Hochwolkers-dorf, Rohrbach, Kirchberg, Piesting, Pottendorf, Pitten usw. Ebenso zählte Haag

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