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1 (1911) Österreichische Volkskunst : aus den Sammlungen des Museums für Österreichische Volkskunde in Wien. [1] / Illustrierter Textband
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Einleitung.

1. Allgemeine Charakteristik der Volkskunst.

Die Entdeckung der Volkskunst ist von der Volkskunde ausgegangen. Mit derRomantik erwachte zu Beginn des XIX. Jahrhunderts der Sinn für die eigene Ver-gangenheit und das nationale Leben, erwachte zunächst der Sinn für die köstlichenSchöpfungen des Volksgeistes, das Volkslied, das Märchen, die Sage. Ihr wissen-schaftliches Studium hat längst begonnen und steht heute in voller Blüte. Es erfolgteweiters die Entdeckung und wissenschaftliche Erforschung jenes prachtvollen Organesdes Volksgeistes, der Mundart, deren Altertümlichkeit und Lebendigkeit ihr die höchsteBedeutung sichern. Auf diesem Wege gelangte man allmählich auch zu den Realiendes volksmäßigen Lebens. Man entdeckte den lange verachteten Kreis bäuerlicherKultur, auf welche das XVIII. Jahrhundert hochmütig und verständnislos herab-geblickt hatte. Man entdeckte das Bauernhaus. Die Architekten fanden in dem länd-lichen Hause mit seiner organischen Bauweise und seinen naiven Zierformen einenreichen Schatz von Vorbildlichkeit; der Forscher fand in ihm Tradition und Altertum,eine wahre Fundgrube kulturgeschichtlicher Einsichten. Die Sammler und Liebhaber,die Künstler zumal bekamen Augen für den ländlichen Hausrat, die bäuerlichenTrachten, die naiven Dokumente primitiver Glossar ::: zum Glossareintrag  primitiver Ästhetik, welche wir allmählich gelernthaben unter dem Begriffe der Volkskunst zusammenzufassen.

Was Volkskunst sei, ist schon oft versucht worden, klar zu präzisieren. Eskam dabei vor allem darauf an, den Begriff des Volksmäßigen genau zu erfassenund richtig zu umschreiben. Manche Beurteiler haben ihren Umfang zu eng, manchezu weit abgesteckt. Manche Autoren haben ihren Sinn nur in ihrem Verhältnis zurhöheren Kunst suchen wollen; andere, deren Begeisterung größer war als ihre Kritik,haben ihr Wesen wie ihr Alter maßlos überschätzt und vielfach ein mysteriösesElement in ihre Betrachtung hineingetragen, das natürlich gänzlich sinnleer ist.Alois Riegl¹) hat ihren Umfang vielleicht zu eng abgesteckt, wenn er unter Volks-kunst bloß das Kunstschaffen des illiteraten, in Lebenshaltung und Geistestätigkeitauf der Tradition fußenden Teiles der Bevölkerung verstehen wollte. Demgegenüberist es anderseits gewiß unrichtig, den Kreis der Volkskunst zu weit zu erstreckenund das Kunstschaffen ganzer Volksgebiete, wie etwa der skandinavischen Länder,Islands usw., unter ihren Begriff zu bringen. 2) Mit großer Entschiedenheit ist R. Forrerin den Streit der Meinungen über das Wesen der Volkskunst eingetreten.³) Er hat1) Volkskunst, 1890. Z. f. ö. V. I, S. 4.

2) M. Hoernes, Ein Nachwort zur Volkskunst- Ausstellung. Z. f. ö. V. XII, S. 78ff., worin auchsonst sehr beachtenswerte Ausführungen beigebracht sind.

3) R. Forrer, Von alter und ältester Bauernkunst.

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