I. Volkstümliche Textilien.
Ein großer Teil aller volkskünstlerischen Arbeiten, welcher das ernste Interesseder Forschung zunächst erregt hat, ist textilen Charakters. Es sind in der Regel dieArbeiten des weiblichen Teiles der Bevölkerung, welche auf dem Wege des Haus-fleißes zum Teil für die Ausschmückung der Tracht, zum anderen Teil für kirchlicheund häusliche Zwecke mit Aufwendung von außerordentlich viel Zeit und Mühe erzeugtwurden und in gewissen wirtschaftlich zurückgebliebenen Landgebieten Österreichsnoch immer hergestellt werden. Wir wissen schon aus den früheren einleitendenDarlegungen( siehe oben S. 22), wie sehr auf diesem Gebiete die nichtdeutschen( slawischen, rumänischen) Volksgebiete den Vorrang behaupten in bezug auf dievolkstümliche Eingelebtheit dieser Arbeiten, ihre massenhafte Erzeugung und dieMannigfaltigkeit ihrer Herstellungsarten, nicht zu vergessen den reichen und alter-tümlichen Ornamentenschatz, der darin aufgespeichert liegt. Trotzdem muß festgestelltwerden, daß gerade die textilen Arbeiten der österreichischen Volkskunst noch ammeisten des eindringendsten Studiums bedürfen, und daß es auf diesem Gebiete ammeisten gilt, alte, vage und unhaltbare Meinungen und maẞlose Überschätzungenbezüglich des Alters, der Eigenart und der Selbständigkeit dieser Arbeiten zu be-seitigen und sie in die richtigen kulturhistorischen Zusammenhänge zu bringen.
Die hier zu behandelnden textilen Erzeugnisse der Bauernkunst sind vonmancherlei Art. Am meisten treten durch ihre Fülle, ihre beliebte Verwendung undihren ornamentalen Reichtum die Stickereien hervor. In mannigfaltiger, zum Teilwohl dem höheren Betriebe der Stickereikunst abgelernter Technik ausgeführt, folgensie auch künstlerisch, d. h. zunächst ornamental im allgemeinen dem Kunstgangeund Kunstschatze der einzelnen Epochen, nicht ohne zahlreiche und verbreiteteAnachronismen und selbständige Sonderentwicklungen. Neben den Stickereien zuprofanen und religiösen Zwecken spielt ein anderer altertümlicher Zweig der Textil-kunst, die Teppichweberei in Wirk- und Knüpfarbeit, eine sehr bemerkenswerteRolle. Hier liegen wirklich Reste von altertümlichster, ehemals sehr verbreiteterBauernhausarbeit vor, die sich auf gewissen entlegenen Gebieten wirtschaftlich nochbehaupten konnten. Eine dritte bedeutsame und eminent volkskünstlerische Textil-klasse sind die bäuerlichen( hausindustriellen) Spitzen in Näh-, Klöppel- und Häkel-technik, die sowohl für die Auszier der eigenen Trachterscheinung und im engstenZusammenhang mit den Stickereien, wie selbständig für den Verlag gearbeitet wurdenund noch immer werden. Hier liegen wohl einerseits die Zusammenhänge mit derhöheren Spitzenkunst, anderseits die bäuerliche Geschmacksausprägung und Sonder-entwicklung am deutlichsten zutage, namentlich auf tschechoslawischem( slowakischem)Volksboden. Endlich wären noch die ursprünglich ebenfalls der städtischen Mode undArbeitsweise entstammenden Perlenarbeiten zu nennen, die namentlich an den
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