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1 (1911) Österreichische Volkskunst : aus den Sammlungen des Museums für Österreichische Volkskunde in Wien. [1] / Illustrierter Textband
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zogen werden müssen. Es bleibt einer vergleichenden Darstellung der europäischenVolkskunst, die ein dringendes wissenschaftliches Bedürfnis ist, vorbehalten, diekulturhistorischen Zusammenhänge zwischen den europäischen Kulturgebieten mitgehöriger Berücksichtigung der gesamtorientalischen Glossar ::: zum Glossareintrag  gesamtorientalischen Einflüsse festzustellen.

1. Die Stickereien.

Wie schon im zweiten Abschnitte der Einleitung ausgeführt wurde, ist die alpen-ländische Gruppe, die zumeist der deutschen Bevölkerung angehört, sowohl wasHäufigkeit der Verwendung, wie Reichtum der Formen, Farben und Techniken be-trifft, der slawischen und romanischen Gruppe durchaus nicht zu vergleichen. Die alpen-ländischen Stickereien gehören fast durchwegs der späthistorischen Schicht an, d. h. siesind in Technik und Ornamentik von der höheren bürgerlichen Kunst abhängige Arbeiten,welche ihren volksmäßigen Charakter hauptsächlich durch Verwilderung und Verbauerungihrer Vorbilder erhalten haben. Diese Erzeugnisse haben alle ihre herkömmliche festeStelle im Volksleben und empfangen auch dadurch schon ihr volkstümliches Aussehen.Es sind Brautleintücher- von der Braut und ihren Freundinnen für den Hochzeitstagund die Brautausstattung gearbeitet- dann die dazugehörigen Polsterüberzüge, Tauf-windeln, Vorstecktücher, Balkentücher( so genannt, weil bei Sterbefällen auf dieFensterbalken gelegt, darauf dann Kreuz und Bilder gestellt werden), Altartüchleinfür das Hausaltarl, Weihkorbdeckchen und Almdecken überhaupt, mit denen die zuOstern geweihten Eier und Ostergebäcke im Korbe zugedeckt wurden, desgleichendie von der Almerin zu Tal gebrachten Butter- und Käsewecken, häufig wie dieButter- und Käseformen selbst( siehe Tafel 85) mit religiösen Symbolen zur Abwehrdes bösen Blickes und sonstigen schädlichen Hexenspukes versehen; ferner Gebet-buchbeutel, dann die sogenannten» Verstüachl<, die Geschenke der Mädchen an dieBurschen, worin die obligaten Ostereier, Kirchweihkrapfen, Kletzenbrotscherze ein-gebunden werden, mit ausgenähten Versen von der eigenen Hand der Spenderinverziert, zu denen der Zimmermann des Dorfes mit rotem oder blauem Stift dieVorschrift gezogen hat.') In Ornamentik, Technik und Material sind sie von ziem-licher Einförmigkeit, wenn man von den zu kirchlichen Zwecken, namentlich in Tirol,Steiermark usw. angefertigten und in Kirchen gestifteten Seidenstickereien, wie Kelch-tüchlein, Stolen, Meßgewändern( vgl. Ornat und Manipel aus Istrien auf Tafel 3) undebenso von den zu Trachtenzwecken dienenden Hals- und Busentüchlein, Brust-lätzen in Seiden- und Goldstickerei, die uns hier nicht beschäftigen, zunächst absieht.In diesen Belangen sei nachfolgend das Wichtigste zur Charakteristik dieser Gruppevermerkt.

Die Herstellung der Stickereien lag im Mittelalter vornehmlich in der Hand derKonventualinnen und nächst ihnen in der Hand der vornehmen Frauen. 2) Erstereerteilten auch in ihren Klosterschulen jungen Mädchen einen geregelten Handarbeits-unterricht³), und es kam des öfteren vor, daß die Töchter und Frauen der Dienst-mannen von Stiften verhalten wurden, für bestimmte Kirchen Stickereien auf Leinenin Wolle oder Seide zu liefern. So sind denn auch tatsächlich die frühesten unsbekannten Leinenstickereien dem kirchlichen Gebrauch gewidmet. Erst mit demXV. Jahrhundert, das in allen Lebensäußerungen größeren Reichtum der Ausstattung1) M. Eysn, Volkskundliches, S. 199 ff. Sie werden auch» Frautüachl«< genannt.

2) Stephani, Die textile Innendekoration des frühmittelalterlichen deutschen Hauses, 1898.

3) Specht, Geschichte des Unterrichtswesens in Deutschland, S. 280 ff.

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