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1 (1911) Österreichische Volkskunst : aus den Sammlungen des Museums für Österreichische Volkskunde in Wien. [1] / Illustrierter Textband
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III. Volkstümliche Glasarbeiten.

Deutlicher als irgendwo bewährt sich an den volkstümlichen Glasarbeiten derSatz, daß die Volkskunst vielfach verspätete, zäh bewahrende und verrohte Anwen-dung älterer und allgemeiner höherer Kunstübung sei. Durch den Eintritt volksmäßigerMotive, durch Vereinfachung der Techniken erlangen nichtsdestoweniger ihre Her-vorbringungen einen naiven und unnachahmlichen Reiz, der denn auch den volks-tümlichen Glasarbeiten, trotz ihrer völligen Abhängigkeit von der höheren gewerb-lichen Stufe, gewinnend eignet. Volksmäßige Erzeugnisse liegen in den Glasarbeitenfreilich überhaupt nur in dem Sinne vor, daß sie für den Volksgebrauch und Volks-geschmack hergestellt und ausgeziert sind. Alle Formen, denen wir hier begegnen,stammen aus der höheren Produktion und sind nur im volkstümlichen Leben desKleinbürgers, Handwerkers und der bäuerlichen Welt länger erhalten und gebräuch-lich geblieben, als in dem rascherem Wechsel der Moden unterworfenen städtischenLeben.

Die verschiedenen Arten volkstümlicher Glasarbeiten, die mit Emailmalerei ver-zierten Flaschen, Gläser und Becher, die Scherzgefäße in Tierform, die Noppen- undBeerenbecher, die Fadenglasarbeiten, die Hinterglasmalereien treten bekanntlich, teil-weise auf Grund antiker und orientalischer Glossar ::: zum Glossareintrag  orientalischer Überlieferungen, alle insgesamt zunächst aufitalienischem Boden, vorzüglich in Venedig, und zwar schon in der Frührenaissance,auf, um, nachdem sie dort sämtlich die höchste Stufe künstlerischer Ausbildungerreicht haben, auch auf die anderen Produktionsgebiete, Spanien, Frankreich, Deutsch-land, Österreich usw., überzugehen.

Was zunächst die Gläser mit Emaildekor betrifft( Tafel 69, Fig. 1, 3, 4,7-10; Tafel 70, Fig. 1, 3, 4, 6-21), so knüpfen sie natürlich an die in Süddeutsch-land im XVI. bis XVIII. Jahrhundert überaus beliebten Verlobungs-, Hochzeits-, Jagd-und Scherzhumpen mit ihrer prächtigen Emailbemalung an, indem sie einzelne Sym-bole und Ziermotive derselben direkt übernehmen, während die Hauptdarstellungendem volkstümlichen Lebenskreis entsprechend neugestaltet werden. So finden wirvor allem die Figuren von Bauer und Bäuerinnen in den zeitgenössischen Trachten,manchmal auch scherzhafte Genreszenen( Tafel 69, Fig. 4, und Tafel 70, Fig. 19),seltener religiöse Darstellungen, da es sich ja um frohem und derbem Genuß dienendeGefäße handelt( Tafel 69, Fig. 3, und Tafel 70, Fig. 21), Tierfiguren( Fuchs, Hase,Hahn, die gepaarten Tauben auf dem Herzen, fliegende Tauben)( Tafel 69, Fig. 8;Tafel 70, Fig. 4, 8, 10, 16), die Embleme des Ackerbaues( Tafel 70, Fig. 13), amhäufigsten indessen nur den stereotypen Blütendekor und scherzhafte Aufschriften( siehe die Tafelerläuterungen) auf diesen Flaschen und Gläsern vor. Sie gehören fastalle dem XVIII. Jahrhundert, einige auch dem XIX. Jahrhundert an, und sind ammeisten in den Alpenländern verbreitet und auch dort wohl erzeugt. Wie schon in

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