der Menschen, während die hundert Sprüche auf dem mannigfachsten Hausgerät,meistens in Übereinstimmung und verdeutlicht durch die bildlichen Darstellungen, dentäglichen Kreis der menschlichen Sorgen, Plage und Genuß sinnvoll erörtern. Da istdas Bett und die Uhr, der warme Ofen und die Tür, welche Anlaß geben zuNachdenklichkeit. Das Weinfäßchen im Keller wie die Schüssel auf dem Tisch, derLöffel oder der Schlüssel, der Brunnen wie das Glas schmücken sich mit dem Spruch-bande wie mit eingeschnittenen oder aufgemalten Aufschriften und nirgends scheutman sich, mitunter auch recht derb und grob zu werden. Der Rüpelton, wie ihnschon das Mittelalter vom Bauern kannte, schlägt nicht selten noch immer in un-gebundener Kraft aus den volkskünstlerischen Werken mit ihren Bildern und Vers-chen hervor.
Diese inhaltliche Charakteristik gilt im allgemeinen wohl von jeder echten Volks-kunst Europas, im besonderen aber von der deutschen, während die slawische undromanische volkskünstlerische Betätigung mit höherer Altertümlichkeit dem reinenOrnament und religiösen Symbol bei geringerer Gegenständlichkeit ihrer Darstellungenhuldigt. Auch sie aber zeigen sich doch von den wesentlichen, oben aufgezeigtenZügen beherrscht, auch sie lassen abergläubische Ideen und religiöse Empfindungen,das Bedürfnis des Weihens und des Schutzes überall als das primäre Element volks-künstlerischen Schaffens erkennen, das bis zur symbolischen Farbenwahl herunter'),ja bis in technische Einzelheiten hinein, wie die apotropäische Bedeutung einzelnerSticharten, z. B. des Hexen- oder Kettenstiches, bei den Stickereien zeigt, in Er-scheinung tritt.
Diese allgemeine Entstehungsgrundlage und der verwandte Inhalt der Volks-kunst bedingen ihren über alle geographischen und ethnographischen Grenzen hin-wegreichenden, sehr homogenen und einheitlichen Charakter. Die Volkskunst allereuropäischen Völker weist- innerhalb gewisser Grenzen ein innerlich verwandtes,dem geschulten Auge auf den ersten Blick erkenntliches Gepräge auf. Volk ist ebenVolk, wenn es auch in verschiedenem Rock, sogar in aufgestutztem Nationalkleidesteckt: denn Volk ist Altertum, Volk ist Einfalt und Beschränktheit, ist Tüchtigkeitund Natur allenthalben, wo man es aufgreifen mag, außer in der Nähe, gleichsamder Kontagiumsphäre der städtischen Weltkultur. Der Lebensgrund, aus dem dieseErzeugnisse bei allen Völkerschaften erwachsen, ist im Wesen und durch Geschichteund Verkehr überall der gleiche, und hauptsächlich in rein äußerlichen Dingen desGeschmackes, der Farbenwahl, in einigen formellen Überlieferungsreihen liegen, vonder Sprache abgesehen, auf der urwüchsigen Unterschicht der Völker, die nationalenUnterschiede.
2. Die besonderen Züge der österreichischen Volkskunst.
Die charakteristischen Eigentümlichkeiten eines geographisch bestimmten undbegrenzten Volkskunstgebietes hängen von einer doppelten Reihe von Faktoren ab.In erster Linie von den anthropogeographischen, durch die Wirtschaft sich äußerndenLebensbedingungen; in zweiter Reihe, aber nicht minder eng und vielseitig bestimmt,von den historischen Schicksalen und der geschichtlichen Umwelt.
1) Dr. M. Höfler, Die rote Farbe hält Dämonen ab; das rote Tuch am Kummet der Pferde,z. B. beim Leonhardsritt, ist ein dämonenabwehrendes Mittel der altgläubigen Rosselenker. Z. d.Ver. für Volksk. in Bayern. 1903, S. 118.
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