Man muß das volkstümliche Leben mit seinem wahren Gemütsinhalt befragen, nichtirgendeinen von unserer Sentimentalität zusammengeträumten Popanz von Volks-geist, um auf diese entscheidenden Fragen die richtige Antwort zu finden.
Das Volk schmückt seine Gebrauchsdinge, soweit sie aus eigener Hand hervor-gehen, nur aus den selbstverständlichsten Anlässen und Verhältnissen heraus. Zu-nächst ist die Urwurzel aller Ästhetik, die Erotik, am Werke: die Liebe zum Mädchen,wie die Liebe zum Burschen ist an vieler solcher Zier stark beteiligt; denn garmanche dieser reizend geschmückten Dinge sind Geschenke, Liebespfänder der Jugenduntereinander.¹) Für den Schatz ist das Beste gerade gut genug. Hierher gehörendie Spinnrocken, die Melkstühle, die Schmucktrüherln, Wäschepracker usw. auf dereinen, die ausgenähten Tüchlein, die Ostereier und noch manches sonst auf deranderen Seite. Überhaupt ist die Geschenkbestimmung zahlreicher Gegenständedie Veranlassung ihrer Auszier. Zuletzt ist auch selbst der Zukunftsgedanke, derim Bauernhause, das von den Vätern auf die Kinder vererbt, viel stärker entwickeltist als im wechselnden Heim des Städters, schöpferisch am Hausrat wirksam, wieSpruch, Namenszug und Jahreszahl, die auf vielen Dingen zu finden sind und womitman sich ein Gedächtnis für die Zukunft machen will, beweisen.
Eine zweite Hauptquelle bäuerlicher Ästhetik und Kunstbetätigung ist der Sonn-tag, um es in aller Kürze auszudrücken. Der Sonntag ist der Schöpfer der Festtrachtmit ihrem mühsamen Ausputz, für den Sonntag macht man sich zum Staat auchandere köstlich gezierte Sachen zurecht, die prächtig geschnitzte Pfeife, den Pracht-gurt, das glänzende Geschmeide, von den Haarstechern der Jungfern Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfern bis zum Rauf-ring des Burschen, womit ein Dorfgenosse den anderen übertrumpfen will.
Eine ähnliche, nur noch viel umfassendere, schöpferisch wirkende Rolle spieltder große festliche Gipfel des Bauernlebens, der Hochzeitstag. Für den Ehrentag,für die Brautausstattung, die ja im Dorfe noch immer unter öffentlicher Kontrollesteht, werden alle Gebrauchsdinge gleichsam auf ein höheres Niveau als das des All-tags gebracht. Die bemalten Kasten und Truhen, der Spinnrocken und das Braut-schaff, der gestickte Leinenschatz Zeugnisse des häuslichen Fleißes der Brautund was sonst noch auf dem Plunder- oder Kammerwagen vor den kritischen Augender ganzen Dorfgenossenschaft dem neuen Haushalte zugeführt wird, verdanken demdörfischen Ehrgeiz vielfach ihre künstlerische Ausstattung. Vergessen wir nicht hin-zuzufügen, daß auch der Kindersegen im Hause( Taufwindeln, Balkentücher, Wiege)und auch der ernste Ausgang des Lebens die gleiche ästhetisierende Weihe bewähren,indem alles Ding, was damit zusammenhängt, gern in einen künstlerischen Bereichheraufgehoben erscheint. Hier liegt denn auch der Gedanke zum Greifen nahe, daßReligion und Kirche mit der frommen Weihe, welche sie über das ganze, sonstso nüchterne Bauernleben breiten, im gleichen zu den ersten kunstschöpferischenMächten des Volkslebens gerechnet werden müssen, wofür man sein Bestes auf-wendet, zu dem man sonst aus Not oder Trägheit nicht leicht zu haben ist.
An dieser Volkskunst, die nur aus wirklichen Lebensanlässen für den Eigen-bedarf schafft, arbeiten Mann und Weib Glossar ::: zum Glossareintrag Weib, Jung und Alt, Herr und Knecht, je nachLust und Anlaß, je nach Kunst und Vermögen, Geschicklichkeit und Ausdauer mit.Allerdings nicht jeder im Volke vermag solche Dinge zu schaffen, so wenig wie derNächstbeste ein Volkslied, einen Vierzeiler, einen Juchezer neu zu schaffen vermag. Es
1) Die» Minnegaben«<, speziell der nordischen Volkskunst, sind schon mehrfach Gegenstandbesonderer Behandlung gewesen: Die Minnegaben von Bernhard Olsen, in: Das Hamburger Museumfür Kunst und Gewerbe, 1902, S. 205 ff. M. Heyne, Das deutsche Handwerk. S. 125, Anm. 81.
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