Horst Kaller
Diese Uhr ist mein wertvollstes und wichtigstes Möbelstück, nachdem, was ich bei meinem zweiten Besuch in dem kleinen Häuschenmeiner Großeltern Kaller[ in Jägerndorf] erlebte. Ich hatte mich an-gemeldet, doch dann sagte mir die liebe Dame, sie spreche ganz wenigDeutsch. Für den nächsten Abend werde sie jemanden zum Dolmet-schen holen. Das war der Vater der Schwiegertochter, die in demsel-ben Haus wohnte. Er war Lehrer und sprach für meine Wahrnehmungein wunderbares Deutsch, zum Teil sogar noch Dialekt aus der dama-ligen deutschen Zeit. Er konnte uns alles übersetzen. Die alte Damesagte, dass sie sämtliche Möbelstücke und alles, was[ 1947] von dendeutschen Bewohnern zurückgeblieben war, aus der Wohnung in eineFabrikhalle transportieren mussten. Sie durften nichts behalten.
Inzwischen war die Schwiegertochter hereingekommen undpackte aus einem Packpapier die alte Uhr aus und sagte:» Aber dieUhr haben wir nicht abgegeben. Wenn einmal jemand kommt.<< Undso überreichten sie uns die Uhr, weil wir gekommen sind.-» Wir ha-ben diese Uhr an der Wand hängenlassen und haben sie aufgezogen,aber sie ging nicht. Und im Jahr 1948 haben wir plötzlich gehört, dieUhr schlägt- ding, ding, ding. Das war alles, sonst nichts, nur ge-schlagen. Wir haben damals gedacht, vielleicht ist jemand gestorben.<<Und mein Opa starb 1948 in Wasserburg am Inn im Krankenhaus.
Dann nahmen wir die Uhr mit. Ich wollte sie meinem älterenBruder geben, aber er sagte:» Nein, die gehört dir.« Also nahm ich siemit nach Garmisch- Partenkirchen, wo ich damals wohnte. Am zwei-ten Tag legte ich die Uhr auf den Tisch, machte sie auf und nahm dasUhrwerk heraus. Ich ölte einige Teile mit Nähmaschinenöl, mit fei-nem Öl, weil ich dachte, dann geht sie vielleicht. Dann baute ich siewieder zusammen. Ich hatte einen schönen festen Haken in die Wandgemacht, wo ich die Uhr haben wollte. Ich schlug sie an, sie tickte-und blieb stehen. Das versuchte ich sechs- oder siebenmal. Sie tickteund blieb stehen. Dann sagte ich mir:» Gut, dann muss ich sie zu ei-nem Uhrmacher bringen.«< Aber ich kam nicht gleich dazu, weil icham nächsten Tag zu einer Tagung fahren musste. Allerdings kam meinälterer Sohn mit seiner Frau zu Besuch und blieb während meiner Ab-wesenheit im Haus.
Als ich nach drei Tagen wiederkomme und die Tür aufsperre,kommt mein Sohn mir gleich entgegen, ganz aufgeregt:» Komm,komm, komm!«<» Mach das doch nicht so aufgeregt, was ist denn
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