Druckschrift 
Geteilte Erinnerungen : Tschechoslowakei, Nationalsozialismus und die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung 1937-1948 = Rozdělené vzpomínky : Soužití v Československu, nacistická okupace a vyhnání německy mluvícího obyvatelstva 1937-1948 = Rozdelené spomienky : spolužitie v Československu, nacistická okupácia a vyhnanie nemeckých obyvateĺov 1937-1948
Entstehung
Wien [2017]
Seite
82
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DIE NATIONALSOZIALISTISCHEN VERBRECHENUND DAS SCHICKSAL DER JÜDINNEN UND JUDEN

Josef Derx

Ich erlebte in den ersten April- und Maitagen 1938, dass an derGrenze bei Wolfsthal, also zwischen Österreich und der Slowakei,massenhaft Menschen mit großem Gepäck auf der sogenannten Press-burger Bahn bis zur Grenze fuhren und dort regulär die Grenze über-schritten. Auf der slowakischen Seite gab es viele Engerauer, die mitHandwägen dort auf die Leute warteten, um ihnen das Gepäck zutransportieren. Aber wir erkannten als Vierzehn- oder Fünfzehnjäh-rige nicht, dass das Flüchtlinge waren. Mein Vater wusste das schon.Aber wir Buben meinten:» Naja, das sind wieder Leute, die auswan-dern oder verreisen.<< Man konnte ja nicht so genau erkennen, dass dasjüdische Familien waren.

In Oberufer hatten wir einen Fleischhauer, das war ein Auslands-zugereister. Und dem schüttete man einmal in der Nacht einen Kü-bel Kloinhalt an den Rollbalken. Das breitete sich dann am Gehsteigaus, und alle gingen schauen, was da passiert war. Das war das einzigeMal, dass ich etwas sah, das man den Juden angetan hat. Ja, das warfurchtbar.

Ein Drittel unserer Klasse waren jüdische Schüler, und ich weißnicht, wie viel Prozent der Professoren Juden waren. Die wurden inden Sommerferien 1939 ausgetauscht. Im neuen Schuljahr gab es keinejüdischen Professoren mehr, nur mehr christliche. Die Judenbubenund Judenmädel waren meistens gescheiter als wir, das ist die Wahr-heit, die man damals nicht so gern hörte. Sie waren intelligenter. Bisdie Schule im September begann, waren die jüdischen Buben und Mä-del nicht mehr da. Wo die hinkamen, wussten wir nicht. Wir bemerk-ten nur, dass sie nicht mehr da waren, dass sie nicht mehr unsere Mit-schülerinnen und Mitschüler waren. Von einer Ermordung wusstenwir nichts. Ich könnte das beschwören, jederzeit.

Eines habe ich mitbekommen: dass man bresthafte Kinder mit ei-nem Schiff auf der Donau nach Deutschland holte. Irgendwann ein-

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