EIN GRIECHISCHES FLÜCHTLINGSKIND IN DENENTVÖLKERTEN GRENZGEBIETEN
Ilias Michopulos
28.000 Kinder flohen an die albanische, bulgarische oder jugosla-wische Grenze, um den fortgesetzten intensiven Bombardements, diebis 1949 andauerten, zu entfliehen. Im Herbst mussten dann alle weg,auch die Erwachsenen. Von den 28.000 Kindern, die die Grenze über-schritten hatten, blieben 25 Prozent Waisen. Ich hatte das Glück, dassich meine Eltern wiedersah.
3.800 Kinder kamen in die Tschechoslowakei. Einen Monat langwaren wir in Albanien. Von dort fuhren wir nach Jugoslawien undschließlich nach Nikolsburg. Ein tschechischer Sonderzug fuhr nachBitola. Das ist nicht weit von der griechischen Grenze, wo wir aufge-sammelt wurden. Als wir in der Nacht ankamen, spuckten Funken ausdem Schornstein[ der Lokomotive] und jemand rief:» Drache!<< Sofortwaren wir in der ganzen Stadt verstreut. Es dauerte zwei Stunden, bissie uns alle wieder aufgesammelt und gezählt hatten und wir weiter-fahren konnten. Es klingt vielleicht wie ein Märchen- aber wegen desKrieges war niemand von uns zur Schule gegangen. Ich war damalszehn Jahre alt und hatte noch nie eine Schulbank gesehen. Das heißt,ich war ein totaler Analphabet.
Ich kam mit meinen beiden Schwestern, die eine war sieben unddie andere vier Jahre alt. Meine Mutter sagte zum Abschied:» Ilja, dubist kein kleiner Junge mehr, du bist ein großer Kerl. Du musst dichum sie kümmern!<< Ich nahm das so auf, dass ich ein junger Mann seiund auf mich selber aufpassen muss.
Als wir in Nikolsburg ankamen, interessierte ich mich nicht fürPolitik oder lokale Einrichtungen. Was uns berührte, war, dass wirvon den tschechischen Bürgern in jeder Hinsicht herzlich aufgenom-men wurden. Wir hatten alle ein gefühltes Kilo Läuse am Körper. Ichsah mir meinen Gürtel, meine Schuhe und Kleider an. Alles war weißvon Läusen. Das war auch kein Wunder, denn ich hatte noch immeran, was mir meine Mutter angezogen hatte, als wir weggingen. Ich
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