Druckschrift 
Geteilte Erinnerungen : Tschechoslowakei, Nationalsozialismus und die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung 1937-1948 = Rozdělené vzpomínky : Soužití v Československu, nacistická okupace a vyhnání německy mluvícího obyvatelstva 1937-1948 = Rozdelené spomienky : spolužitie v Československu, nacistická okupácia a vyhnanie nemeckých obyvateĺov 1937-1948
Entstehung
Wien [2017]
Seite
214
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RELIKTE UND VERSCHWINDEN EINER KULTUR

An der Kulturlandschaft- als der vom Menschen geformten, gepfleg-ten und bewirtschafteten Natur- sind der historische Bruch und der Ver-lust, der mit der Aussiedlung der Deutschen einherging, besonders deut-lich zu sehen. Die Deutschen hatten Jahrhunderte in den Grenzgebietengelebt, Landwirtschaft betrieben und eigene Bautraditionen entwickelt.Alle diese Traditionen wurden radikal durchschnitten durch den annä-hernd totalen Bevölkerungsaustausch. In den böhmischen und mährischenGrenzgebieten wurden überwiegend Menschen angesiedelt, die zu dieserRegion wenig Beziehung und keine Kenntnisse der geeigneten landwirt-schaftlichen Methoden hatten. Hinzu kam, dass zugleich mit der Neube-siedlung das Land auf eine kommunistische Kollektivwirtschaft umgestelltwurde. Entlang des Eisernen Vorhangs wurde ein Niemandsland geschaf-fen und, wo die Bewohnerinnen und Bewohner ausgesiedelt waren, wur-den ganze Dörfer geschleift.

Wesentlich für das Verständnis zwischen Tschechen und Slowaken ei-nerseits und Vertriebenen andererseits ist die Unterscheidung zwischenmateriellen Ansprüchen( auf die die deutschen Landsmannschaften 2015offiziell verzichteten) und der emotionalen und seelischen Bindung an dasHeim der Kindheit. Diese Bindung kann bewahrt bleiben, auch wenn dermaterielle Besitz unerreichbar ist. Der Besitz oder dessen Wiedererlangungliegen oft gar nicht im Interesse dieser seelischen Bindung. Wichtiger ist,dass der einstige Besitz von den neuen Eigentümern gepflegt und gewür-digt wird. Vernachlässigung und schlechter Umgang werden hingegen alsschmerzhaft und traurig empfunden- oder tragen bei zur Entfremdungvon der einstigen Heimat.

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