Druckschrift 
Geteilte Erinnerungen : Tschechoslowakei, Nationalsozialismus und die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung 1937-1948 = Rozdělené vzpomínky : Soužití v Československu, nacistická okupace a vyhnání německy mluvícího obyvatelstva 1937-1948 = Rozdelené spomienky : spolužitie v Československu, nacistická okupácia a vyhnanie nemeckých obyvateĺov 1937-1948
Entstehung
Wien [2017]
Seite
200
Einzelbild herunterladen
 

ANKOMMEN IN ÖSTERREICH

Ankommen nach einer Flucht oder Vertreibung bedeutet, noch einmalausgesetzt zu sein; nach einem tiefgehenden Verlust auf andere in einemneuen Umfeld angewiesen zu sein: auf ihre Bereitschaft, den Neuankömm-ling aufzunehmen; ihm den Beginn eines neuen Lebens zu ermöglichenund im besten Fall Verständnis für sein Herkommen zu haben.

Während Deutschland seine Kriegsschuld und damit auch die Verant-wortung für die zwölf Millionen nach 1945 ausgesiedelten Deutschen an-nahm, beriefen sich die österreichischen Politiker darauf, dass Österreichselbst das erste Opfer des nationalsozialistischen Deutschland« gewesen seiund daher keine>> deutschen« Flüchtlinge aufzunehmen brauche. Die Poli-tiker versuchten die Vertriebenen nach Deutschland weiterzuschieben undverwehrten ihnen lange Zeit die Einbürgerung. 220.000 wurden von Ös-terreich nach Deutschland» repatriiert«, 114.000 konnten bleiben.

Spielte die Staatsangehörigkeit für schulpflichtige Kinder existenzielleine eher geringe Rolle, erschwerte es das Leben arbeitsuchender Erwach-sener sehr. Wer keine Arbeit hatte, bekam keine Aufenthaltsbewilligung.Und wer keine Aufenthaltsbewilligung hatte, fand schwer Arbeit, zumalals Neuankömmling, der hier keine Beziehungen hatte.

Die politischen Bedingungen spiegelten jedoch nicht notwendig diegeringere oder größere Bereitschaft der Bevölkerung wider, die Flüchtlingeaufzunehmen und ihnen einen Platz in der Gesellschaft einzuräumen.Hier zeichnen sich wieder große individuelle Unterschiede in der Erfah-rung und Erinnerung ab.

200