Druckschrift 
Geteilte Erinnerungen : Tschechoslowakei, Nationalsozialismus und die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung 1937-1948 = Rozdělené vzpomínky : Soužití v Československu, nacistická okupace a vyhnání německy mluvícího obyvatelstva 1937-1948 = Rozdelené spomienky : spolužitie v Československu, nacistická okupácia a vyhnanie nemeckých obyvateĺov 1937-1948
Entstehung
Wien [2017]
Seite
126
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VERTREIBUNG UND ZWANGSARBEIT

Als die Tschechoslowakei mit der Vertreibung und Aussiedlung derDeutschen begann, waren Zwangsumsiedlungen in Europa bereits zu ei-nem gängigen politischen Mittel geworden. Zwischen 1938 und 1950 wur-den in Europa etwa 35 Millionen Menschen umgesiedelt. Hitler drohteauch der Tschechischen Protektoratsregierung nach dem Attentat auf Rein-hard Heydrich( im Mai 1942) mit der Aussiedlung von einigen MillionenTschechen und der Neuansiedlung von zwei bis drei Millionen Deutschen,also mit einer weitgehenden Germanisierung Böhmens und Mährens.

Die Zügellosigkeit der NS- Terrorpolitik beseitigte im Kriegsverlaufalle Hemmschwellen bei jenen tschechischen Politikern, die durch Anwen-dung von Kollektivschuld möglichst alle Deutschen aus der Tschechoslowa-kei vertreiben wollten.

Die Vertreibung begann unmittelbar nach Kriegsende, also lange be-vor die Aussiedlung auf der Potsdamer Konferenz im August 1945 offizi-elle internationale Zustimmung fand. Bis dahin wurden 800.000 Deutscheauf gewaltsame und so desorganisierte Weise vertrieben, dass es vielfach zueinem Massensterben vor allem von Kindern und älteren Menschen kam.Politisch ungeplant waren die» wilden« Vertreibungen deshalb nicht. Diepolitische Führung wusste davon. Präsident Edvard Beneš, Prokop Drtina( 1946-48 Justizminister) und andere hatten sie durch nationale Brand-reden gefördert.

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Ein großer Teil der österreichischen Interviewpartnerinnen und-part-ner oder deren Familien mussten am» Brünner Todesmarsch« teilnehmen.26.000 Menschen die Hälfte der ehemaligen deutschen BevölkerungBrünns wurden ab 30. Mai 1945 aus der Stadt getrieben. Die Opfer-zahl ist bis heute nicht zu eruieren. Mit Sicherheit belegt sind etwa 2.000Todesfälle, Schätzungen reichen bis 5.000.

Zugleich mit den wilden Vertreibungen wurde ein weit verzweigtesSystem von etwa 2.000 Arbeits- und Anhaltelagern errichtet. Dieses be-stimmte das Schicksal vieler Deutscher vor allem der Männer und derarbeitsfähigen Bevölkerung und hielt die Menschen in Angst und Schre-

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