Druckschrift 
Geteilte Erinnerungen : Tschechoslowakei, Nationalsozialismus und die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung 1937-1948 = Rozdělené vzpomínky : Soužití v Československu, nacistická okupace a vyhnání německy mluvícího obyvatelstva 1937-1948 = Rozdelené spomienky : spolužitie v Československu, nacistická okupácia a vyhnanie nemeckých obyvateĺov 1937-1948
Entstehung
Wien [2017]
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hier. Mein Bruder fing gleich in der vierten Klasse an und schaffte dasauch tadellos. Abgesehen davon, dass wir die Zeugnisse nicht behaltenkonnten, bemerkten wir in der Schule eigentlich keine Diskriminie-rung. Wir sprachen nur Tschechisch, das war klar. Wir hatten Freundeund waren bei den Pfadfindern. Das war damals sehr wichtig. Für unsKinder war es ein normales Leben. Für die Eltern weniger, auch finan-ziell. Meine Mutter verkaufte einen Teil der Sachen, die noch gerettetwurden, Pelze oder Schmuck, damit wir davon leben konnten.

Ich identifizierte mich sehr mit der tschechischen Geschichte. Wirsagten immer, als Österreich noch Markgrafentum war, da war Böh-men schon Königreich. Mein Bruder und ich identifizierten uns mitder Prager Kultur, mit der Prager Baugeschichte und mit der böhmi-schen Geschichte, angefangen von den Přemysliden. Die alten böh-mischen Sagen, die ja hochinteressant sind, kannten wir alle. Unddass wir die erste Universität hatten. Um Gottes Willen, wenn jemandsagte>> deutschsprachige«.- Nein, das war keine deutschsprachige Uni-versität. Es war die erste Universität nördlich der Alpen. Wir wuss-ten ganz genau, wie das mit den Königen Karl IV., Wenzel IV. undmit dem Dekret von Kuttenberg war. Das projizierten wir alles, nichtchauvinistisch, auf die böhmische Geschichte. Das Wort>> Tscheche<<entstand mehr oder weniger erst im 19. Jahrhundert mit diesem pan-slawischen Kongress. Anfang des 19. Jahrhunderts, als plötzlich dieNationalitäten sich erhoben. Bis dahin waren es Böhmen. In manchenBüchern gibt es die Diskussion, ob die Deutschen, die nach Böhmengeholt wurden- in Silberbergwerke oder aus anderen Gründen- auchBöhmen sind. Ja, das waren auch Böhmen. Das ist eben der Unter-schied. Wobei ich von Sudetendeutschen überhaupt nicht sprechenwill, das ist ganz etwas anderes. Mein Bruder und ich, wir wären gernedort geblieben, aber nicht unter den Kommunisten.

Im August 1948 traten wir dann den geordneten Rückzug an- sonenne ich es. Wir bekamen Pässe nur für die Ausreise, also nicht mehrfür die Wiedereinreise. Und irgendwie gelang es meinem Vater, ein Vi-sum für Italien zu kaufen. Damit bekamen wir ein Durchreisevisumdurch Österreich. In Österreich sprangen wir ab und suchten sofortum Asyl an. Wir bekamen diesen Ausweis der IRO( der International-Refugees- Organisation) und blieben da. Wie das zustande kam, dasswir auch die Möbel nach Wien haben schicken lassen, weiß ich nicht.Wir mussten eine Liste schreiben, zum Beispiel eine Teekanne mit Un-tertasse, drei Unterhosen, vier Paar Strümpfe. Die Liste wurde ans Mi-

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