Druckschrift 
Geteilte Erinnerungen : Tschechoslowakei, Nationalsozialismus und die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung 1937-1948 = Rozdělené vzpomínky : Soužití v Československu, nacistická okupace a vyhnání německy mluvícího obyvatelstva 1937-1948 = Rozdelené spomienky : spolužitie v Československu, nacistická okupácia a vyhnanie nemeckých obyvateĺov 1937-1948
Entstehung
Wien [2017]
Einzelbild herunterladen
 

Protektorat Böhmen und Mähren innerhalb kürzester Zeit, bis zum12. April 1942, verlassen.

Meine Mutter war in der Zwischenzeit, Anfang 1942, schon in ei-ner sogenannten Judenwohnung in Pilgram, also von uns separiert.Mein Vater ging dann nach Wien, und wir blieben noch bis zum Som-mer'42 in Pilgram. Die Villa wurde vom deutschen Bezirkshaupt-mann beschlagnahmt. Wir hatten nur noch einige Zimmer darin, allesabgetrennt, und folgten meinem Vater im Juli nach Wien. Die Fabrikwurde unter Treuhandschaft gestellt, aber mein Vater hatte über denAnwalt im Geheimen noch Einfluss, teilweise auch finanziell, sodass erGeld bekam. Wir waren drei Jahre, bis Kriegsende, in Wien.

Meine Mutter war in Theresienstadt. Einmal im Monat konn-ten wir Pakete senden. Wir kauften die Schwer- und Schwerstarbei-terkarten von tschechischen Arbeitern, die aus Pilgram zu uns kamen,und mit diesen Karten kauften wir Sachen für meine Mutter. Gott seiDank war meine Mutter eine sehr starke Persönlichkeit. Sie bekam inTheresienstadt Scharlach und lag auf der Krankenstation. Sie erzähltesehr wenig, aber das hat sie mir erzählt:» Diese Freude mach ich ihnennicht... Ich komm zu meinen Kindern zurück!<< Mit einem Herzfeh-ler überlebte sie. Sie war sehr tüchtig und, als die Deutschen schonweg waren, half sie noch, das Lager aufzulösen.

Nach dem Krieg gingen wir nach Prag zurück. Am nächsten Tagtrafen wir meine Mutter. Das war für alle eine große Wiedersehens-freude. Meine Eltern bekamen im Hotel Central ein Zimmer, und wirwurden zur Erholung für repatriierte Kinder- das waren auch Kinder,die selbst im KZ waren- für drei oder vier Wochen in ein Lager ge-schickt. In der Zwischenzeit bekamen die Eltern eine Wohnung, weilsie beide als verfolgt galten. Es war die Wohnung eines österreichi-schen Majors, der flüchten musste. Später holte er seine Möbel nach,und wir bekamen wieder einen Teil der Möbel von Wien nach Prag.Dann waren wir drei Jahre in Prag.

Mein Vater kämpfte, um die Fabrik zurückzubekommen. Aber eswar hoffnungslos. Als ich jetzt die Dokumente durchgesehen habe,fand ich eine Vorladung zu einem Verhör im Jahr 1947, weil er sich ge-gen die Ehre des Staates der Tschechischen Republik vergangen habe.Es muss vorher schon Verschiedenes gewesen sein. Ich habe alle dieseEingaben, die mein Vater auf Tschechisch schrieb, um den Besitz zu-rückzubekommen, und die Antworten von den tschechischen Behör-den:» Nein, Ihre politische Verfolgung kann man nicht als politische

172