Druckschrift 
Geteilte Erinnerungen : Tschechoslowakei, Nationalsozialismus und die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung 1937-1948 = Rozdělené vzpomínky : Soužití v Československu, nacistická okupace a vyhnání německy mluvícího obyvatelstva 1937-1948 = Rozdelené spomienky : spolužitie v Československu, nacistická okupácia a vyhnanie nemeckých obyvateĺov 1937-1948
Entstehung
Wien [2017]
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ihr. Und eines Tages passierte Folgendes, da lach ich heute noch: DieJuden mussten zu dieser Zeit auf der letzten Plattform des letzten Wa-gons in der Tramway stehen. Wir stellten das Paket dort hin und un-sere Anna, Erz- Wienerin, Christin, setzte sich nieder. Da kam dertschechische Schaffner zu mir und sagte auf Tschechisch:>> Sagen Sieder Jüdin, sie darf hier nicht sitzen.«< Sag ich:» Sagen Sie's ihr selber.<<->> Sie wird mich nicht verstehen.« Er konnte nicht Deutsch. Sag ich:>> Okay, ich werd's ihr sagen. Aber sie ist keine Jüdin.<<-»> Aha, na dannkomm ich ja auch nicht in Scherereien.<<

Ich konnte in keine Fachschule gehen und in kein Gymnasium.Ich konnte in eine normale Bürgerschule gehen. Aber meine Mut-ter hatte schreckliche Angst, dass ich dort unsere politische Meinungverbreiten werde, denn eine große Gosche hatte ich immer schon.Ich geriet auch einmal in eine schreckliche Bredouille. Im Jahr 1943,Anfang'43, war die Belagerung von Stalingrad, und ich sagte in derSchule:>> Stalingrad ist gefallen.«< Das wusste ich vom englischen Ra-dio, BBC, und erzählte es meiner Schulkollegin, die tratschte das wei-ter und die nächste tratschte es ebenso weiter, bis das zu unserem Erz-nazi, dem Geographie- und Geschichtsprofessor kam. Der fragte alsodas sechste Mädchen:» Woher hast du diese Gräuel- Propaganda?<<->> Ja, die hat das gesagt.<< So wurde es bis zu mir zurückverfolgt, und erfragte:>> Und woher hast du deine Informationen?«-» Das Oberkom-mando der Wehrmacht hat das gemeldet.«< Das fiel mir in der Ge-schwindigkeit ein. Sie wollten mich von der Schule entfernen, abermeine Klassenvorständin, die kein Nazi war, eine gewisse Frau Profes-sor Nowak, sagte:» Das kommt überhaupt nicht in Frage, dieses Kindbleibt. Dieses Kind ist gescheit.<<

Erwin Scholz

Wir hatten hier in Reichenberg das Volksgericht. In einem Fallwurde ein Pole, der eine Liebesaffäre mit einer deutschen Frau hatte,ohne Gerichtsverfahren gehängt. Es war eine grausame Zeit. Immerwenn ich die russischen Kriegsgefangenen nach Hause marschierensah, überlegte ich, ihnen etwas zuzuwerfen. Vorne und hinten ging je-weils ein Soldat. Aus der Straßenbahn wäre es möglich gewesen, dennsie gingen die Gleise entlang. Ich traute mich nicht, denn es gab ei-nen Schaffner. Ich war damals vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Wennmich da jemand erwischt hätte. Das ging nicht.

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