Druckschrift 
Geteilte Erinnerungen : Tschechoslowakei, Nationalsozialismus und die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung 1937-1948 = Rozdělené vzpomínky : Soužití v Československu, nacistická okupace a vyhnání německy mluvícího obyvatelstva 1937-1948 = Rozdelené spomienky : spolužitie v Československu, nacistická okupácia a vyhnanie nemeckých obyvateĺov 1937-1948
Entstehung
Wien [2017]
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Vor der Henlein- Bewegung grauste uns von Anfang an. Da stell-ten wir richtig die Haare auf.

Mein Bruder war immer auf der Seite der Tschechen, weil er vonder Volksschule an bis zur Matura in die tschechische Schule ging.Egal, ob sie ihn als Deutschen beschimpften oder nicht. Sein bes-ter Freund, bis zu seinem Tod, war ein Tscheche- dessen Vater warein Wischauer Geschäftsmann. Er hatte nie einen anderen Freundwie ihn. Und mit dem sprach er selbstverständlich Tschechisch. Derkonnte zwar sehr gut Deutsch, aber ich kann mich erinnern, wenn derGusak Dalibor bei uns zu Hause war, bei der Großmutter, da sprachselbstverständlich auch ich mit ihm Tschechisch.

Otto Sobek

Ich bin 1929 in Pressburg geboren. Damals wohnten wir in derKempelenova Straße, heute Klemensova Straße. Das war ein Beamten-Wohnhaus, in dem vor allem die Beamten einer Versicherungsanstalt,meist Tschechen, wohnten. Slowaken gab es wenige. Die Tschechenwaren damals- in der Ersten Tschechoslowakischen Republik- sehrassimiliert, und die Kinder umso mehr. Die besuchten slowakischeSchulen. Ich besuchte bis zum Jahr 1945 deutsche Schulen, zuerst dieVolksschule und dann das Gymnasium.

Ich sprach Slowakisch, Deutsch und ein wenig Ungarisch. Das istetwas, das die gegenwärtige Generation nicht verstehen kann. Press-burg war eine dreisprachige Stadt. Je nachdem, wie man angesprochenwurde, so antwortete man. Oft frage ich mich, ob es uns bewusst war,dass wir die Sprache wechselten. In dem zarten Alter wahrscheinlichnicht.

Wir waren die einzige deutsche Familie im Haus, aber natürlichredeten wir auch Slowakisch. Unsere Familie war sehr integriert. Ichwill nicht behaupten, dass wir assimiliert waren- denn wir haben unsimmer als Deutsche gefühlt-, aber ausgesprochen integriert in die slo-wakische Gesellschaft; und in die jüdische, denn das Nachbarhaus-das ist auch typisch Pressburg- war jüdisch. Da lebte ein Anwalt,Herr Doktor Perlstein, der Wohnungen an Juden vermietete. Das Ver-bindungsglied der zwei Häuser war der gemeinsame Hof mit einemZaun, über den man klettern konnte. Meine erste Freundin war eineJüdin, ein Mädchen aus dem Nachbarhaus. Sie konnte sich glückli-cherweise retten, sie überlebte irgendwie, ich weiß nicht, wie. Nachdem Krieg verloren wir die Spur. Hier präsentieren sich also nicht drei,

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