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Volkskunde aus der Mitte : Festschrift für Olaf Bockhorn zum siebzigsten Geburtstag
Entstehung
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regionales Soul- Food geadelt, haben ihre Konjunkturen. So begründet werden Frische undNähe und die verantwortete Nachhaltigkeit zum Ausweis des als autonom verstandenen, weilselbst entwickelten Lebensstils. Bekenntnis und Lebensstil gehören zusammen. Für sie wer-den regionale Herkunft, Klasse, Geschlecht und die Haltung zur Umwelt schlagend. AlleinFeinspitz zu sein, genügt nicht mehr.

Auf so einem Markt kann dann schon mal auf einer grünen Tasche das veganische Bekennt-nis stehen: ,, Vegan means I don't eat or exploit or wear other beings". Im Frühjahr wird dannauch in allen Medien die 40- tägige Fastenzeit vor Ostern genannt. Sie erinnere an die Tage,die Jesus Christus in der Wüste betend gefastet hat. Der Advent als Buß- und Fastenzeit istmeist schon in Vergessenheit geraten. Und auch der 8. März, der Internationale Frauentag,wird zum Anlass genommen, über die Nahrung und ihre Zubereitung nachzudenken. Dasgeschieht oft, indem im Begriff Gender die sozialen und kulturellen Geschlechtsbilder inunserer Gesellschaft kritisch thematisiert werden. Da kann dann schon einmal eine erfolgrei-che Frau stolz mitteilen, sie habe noch nie für einen Mann gekocht. Die Opposition zu dem ineiner Kultur als typisch für ein Geschlecht Angesehenen wird als markant verstanden: Klei-dung, Berufe, Tätigkeiten und Orte, Hose und Rock, Bluse und Hemd, Schuhe, Frisur, Kaf-feehaus, Küche, Stellung und Habitus in der Öffentlichkeit.

Entgrenzungen?

Die Essgewohnheiten im öffentlichen Raum gelten als weitgehend entgrenzt, dennochscheint der Würstelstand weiterhin vor allem als Männerort angesehen zu werden. AndereVerzehrsituationen im öffentlichen Raum haben sich dagegen angeglichen. Das Essen auf derStraße, das Essen im Gehen( ,, Coffee to go- jetzt auch zum Mitnehmen" habe ich kürzlichgelesen) scheint nicht nur bei jüngeren Menschen als üblich zu gelten. Für diese und alle an-deren Tätigkeiten und Merkmale gilt freilich, dass sie nicht unmittelbar und zwingend mitkörperlichen Merkmalen verbunden sind. Es ist, was wir Kultur nennen und womit wirgegen den kausalen Zusammenhang von biologischem und sozialem Geschlecht argumentie-

ren.

Jedes Frühjahr lassen sich verlässlich Zeitungsmeldungen finden, in denen berichtet wird,dass ,, Männer als Grillopfer" ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mussten. Es ist nicht ,, na-türlich und biologisch bedingt, dass Männer grillen und am Würstelstand stehen, obwohl esuns selbstverständlich erscheint. In der gesellschaftlichen Performanz von Geschlecht werdenbiologische Merkmale zu sozio- kulturellen Geschlechtsmerkmalen, erhalten ihren kulturellenAusdruck in einer von Menschen gemachten Ordnung. Kultur ist das Aufrichten einer Ord-nung, vom Staat bis hin zur Zweierbeziehung, einer Ordnung, die ihre Regeln, ihre Rituale,ihre Sprachen entwickelt.

Am Essen lässt sich ausmachen, wie Frauen und Männer ihre Rolle in der Gesellschaft sehenund wie sie sich selbst positionieren. Bei der Konstituierung von Männlichkeit und Weib-lichkeit in einer Gesellschaft fallen, Sex" als das biologische und Gender" als das sozialeGeschlecht zusammen. Um als solche erkannt zu werden, tun Frauen und Männer in der Re-gel das, was sie als Frauen oder Männer ausweist. Darin zeigt sich eine Weise, in der Ge-wohnheiten ,,, Traditionen weitergetragen werden. Die einen kochen, tragen auf und servie-ren und die anderen üben sich im richtig essen, im Zulangen und auf Fleisch Bestehen,wie es der schon erwähnte Buchtitel Fleisch ist mein Gemüse" vorgibt. Die Orientierungbeim Essen lässt sich als Ausdruck von Geschlechtsidentität nutzen.