Prägung dieses für das 17. und 18. Jahrhundert maßgebenden Andachtsbildtypusist also allem Anschein nach um 1400 erfolgt. Die Umwandlung von der Figurim Statuenverband der Kathedrale zum Andachtsbild folgt hier offenbar stilisti-schen Gründen. Dem beginnenden weichen Stil entsprach das breiterformatige An-dachtsbild der sitzenden hl. Anna mit Maria mehr als die Statue. Das hat auchfrömmigkeitsgeschichtliche Gründe. Die primär didaktische Konzeption der Kathe-dralplastik wird zum Gegenstand einer anschauungsbedürftigen Frömmigkeit,zum Andachtsbild ohne jeden architektonischen Zusammenhang. Die Tradierungin der nachmittelalterlichen Kunst dürfte vor allem in Spanien und Flandernstattgefunden haben, wo eine durchgehende Tradition vorhanden ist. In Öster-reich und Deutschland ist eine solche nicht nachzuweisen; der Zusammenhangmit spanischen Vorbildern ist besonders in unserem Beispiel greifbar( vgl. dieDarstellung von Ruelas im Museum von Sevilla[ 8]). Die auffallenden Höhe-punkte der Darstellung der Hl. Anna mit der Hl. Maria und dem Buch in hierati-scher Form im 13. Jahrhundert in Frankreich und mannigfach variiert im 17. und18. Jahrhundert in Spanien ergeben sich aus dem didaktischen Grundgehalt desThemas. Die Immaculata Conceptio war gerade im 13. Jahrhundert in FrankreichGegenstand theologischer Bemühungen, die allgemeine Anerkennung ist besondersvon spanischen Bischöfen am Tridentinum betrieben worden.
In Niederösterreich ist dieser Bildtypus im 17. und 18. Jahrhundert durch einegroße Anzahl von Altar- und Andachtsbildern belegt( vgl. u. a. Johann Spillen-berger, Wien, Augustinerkirche[ s. u. Nr. 188]; Paul Droger, Schönbrunn, Schloß-kapelle; J. M. Schmidt, Windischgarsten). Die Verbreitung dieses Bildtypus ist nuraus den Wechselbeziehungen zum Annenkult, der ja in Niederösterreich eine seitdem 14. Jahrhundert nachweisbare Tradition besitzt und auch im Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum ver-ankert war und außerdem in Annaberg eine Hauptwallfahrt als Zentrum derVerehrung besaß, zu erklären. Überdies erfuhr der Annenkult gerade im 17. Jahr-hundert durch fürstliche Reliquienschenkungen( Hirnschale der Hl. Anna an Anna-berg 1660 und Annahandreliquie an das Noviziat der Jesuiten in Wien 1743) geradeim 17. und 18. Jahrhundert einen erneuten Aufschwung( 9, 10).
Lit.:( 1) K. Künstle, Ikonographie der christlichen Kunst, I, Freiburg 1926,646 ff.( 2) Van Marle, V, 447.( 3) Trens, 96 ff.( 4) A. Stange, Deutsche Malereider Gotik, Berlin 1936, II, 120 m. Anm. 18.( 5) H. Winkler, Die flämischeBuchmalerei des 15. und 16. Jahrhunderts, Leipzig 1925, 177 ff.( 6) J. A. Herbert.Illuminated Manuscripts, London 1911, Titelblatt.( 7) B. Kleinschmidt, DieHl. Anna( Forschungen zur Volkskunde, Heft 1-3, Düsseldorf 1930, 370).( 8) A. L. Mayer, Geschichte der spanischen Malerei, Leipzig 1922, 295, Abb. 219.( 9) Gugitz, Feste, II, 40.( 10) Das Wiennerische Andachtsbüchl, Wien 1707,unter 26. 7.
Geschichte und Verehrung: Über die Entstehung des Gnadenbildes undseine Verehrung ist außer einem kleinen Andachtsbild( 1) nichts bekannt.Lit.( 1) Gugitz, Andachtsbild, 131.( 2) Gugitz, Gnadenstätten, I, 68.
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188 Das Gnadenbild„ Anna, Maria lesen lehrend" in Wien, I., Augustinerkirche.Wien I., Augustinerkirche, 2. linker Seitenaltar.
Öl auf Leinwand, ursprünglich 308 X 186 cm( Bezeichnung und Datierung bei derAnstückung zerstört.
Johann Spillenberger, 1676.
Abb. bei J. Fleischer, Der Barockmaler Johann von Spillenberger( Wiener Jahr-buch für Kunstgeschichte XVI( XX), 1954, 165, Abb. 112).
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