I. DIE HISTORISCHEN GEGEBENHEITEN
Die allgemein- historischen, kirchengeschichtlichen und frömmigkeits-geschichtlichen Fakten wirken über die Initiatoren und Träger der jeweili-gen Andacht auf den Gegenstand und die Form der Andachtsbilder ein.Außerdem werden die Andachtsbilder durch die sich auf die Andacht alsHaltung und Handlung beziehenden gesetzlichen Maßnahmen und Anord-nungen kirchlicher und staatlicher Behörden direkt oder indirekt beeinflußt.Die Geschichte der Frömmigkeit zeigt die immanenten Gründe für das Auf-treten und die Verehrung der einzelnen Gnadenbilder.
Allgemein historisch 54) ist für unseren Zusammenhang diebestehende enge Verbindung Österreichs mit Böhmen, Mähren und Ungarnund der aus der politischen Konstellation sich ergebende Kontakt mit denNiederlanden und den italienischen Besitzungen wesentlich, der durch denganzen Zeitraum bestehen bleibt. Die aus den jeweiligen Koalitionen herausgeschlossenen Bündnisse selbst berühren durch ihren oftmaligen Wechselund rein diplomatischen Charakter das religiöse Leben kaum.
Soziologisch gesehen waren die Vermittler der Formen des reli-giösen Lebens neben dem Weltklerus besonders die Orden, deren Tätigkeitin diesem Sinne in unserer Zeit eine Konstante mit graduellen Unterschiedenbedeutet, die Angehörigen der Dynastie 55) und des hohen und niederenAdels 56). Nun ist die Disposition zur Frömmigkeit durch die allgemeine undpersönliche Einstellung zu ihr, die Möglichkeit ihrer Wirkung in unsererZeit aber auch durch den Umfang der ständischen und persönlichen Machtihrer Träger gegeben. In diesem letzteren Sinn ist die Erscheinung derFrömmigkeit durch die soziale Stellung und Struktur mitbestimmt. Es mußdaher die soziale Veränderung untersucht und in der Beurteilung des Auf-tretens von Andachtsformen und Andachtsbildtypen mit berücksichtigtwerden. Eine zusammenfassende Darstellung der sozialen Struktur Öster-reichs und besonders Niederösterreichs in diesem Zeitraum fehlt. Die Arbeitkann sich daher nur auf die Abhandlungen von Huber- Dopsch 57), Brun-ner 58) und Martiny 59) stützen, die im wesentlichen den Wandel der sozialen
54) O. Redlich, Das Werden einer Großmacht, Österreich 1700--1740, Leipzig1938; derselbe, Über Kunst und Kultur des Barock in Österreich( Archiv für öster-reichische Geschichte 115/ II, 1943, 333 ff.); H. Hantsch, Die Geschichte Österreichs,Graz- Wien 1947, II, 55; P. Müller, Auswärtige Politik Österreichs 1715--- 1866(= Österreich, herausgeg. v. J. Nadler und H. v. Srbik, Salzburg- Leipzig 1936, 107).55) Dazu vgl. vor allem A. Coreth, Pietas Austriaca( Mitteilungen des Österr.Staatsarchivs VII, 1954, 90 ff.).56) Über die soziale Stellung des österreichischen Adels vgl. F. K. Martiny,Über die Hauptzüge der niederösterreichischen Adelsgeschichte( Deutsches Archivfür Landes- und Volksforschung 4, 1940, 482 f.).
57) Huber- Dopsch, Österreichische Reichsgeschichte, Wien 1899.
58) O. Brunner, Adeliges Landleben und europäischer Geist, Salzburg 1949;derselbe, Bürgertum und Adel in Nieder- und Oberösterreich( Anzeiger der öster-reichischen Akademie der Wissenschaften, phil.- hist. Kl. 1949, Nr. 22); derselbe,Sozialgeschichtliche Forschungsaufgaben erörtert am Beispiel Niederösterreichs( ebendort 1948, Nr. 23).
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59) Martiny, a. a. O., 482 f.