Entsprechend dem oben angedeuteten Zusammenhang zwischen derKopierung von byzantinischen und byzantinisierenden Lukasbildern und derEntstehung des oberdeutschen Andachtsbildes zeigen die in Niederösterreichwährend der Barockzeit verehrten Gnadenbilder, die als Originale oderKopien Werke des 16. Jahrhunderts sind, starken Zusammenhang mit denTypen der byzantinischen Marienikonen. Am eindeutigsten und am be-deutendsten ist dieser Zusammenhang bei den Marienandachtsbildern LucasCranachs 278), hier wieder besonders bei den Kopien des Gnadenbildes,, Mariahilf" der Innsbrucker Stadtpfarrkirche( Abb. 20)( 93-149).
Die ostkirchlichen Originale und die Gnadenbilder dugentesker Typeneinerseits sowie die ikonographisch und z. T. auch aus einer funktionellenAnalogie kompositionell mit der byzantinischen Tradition verbundenenAndachtsbilder des 16. Jahrhunderts anderseits zeigen die größte kultischeWirksamkeit. Beide Gruppen zeichnen sich kompositionell dadurch aus, daßsie meist die Muttergottes mit oder ohne das Kind als Halbfigur oder alsKniestück so darstellen, daß die Träger des hier sinnbildhaft gemeinten undempfundenen menschlich- seelischen Daseins 279) im Bildraum dominieren,wenn auch die Größe der Antlitze der Muttergottes und des Kindes variiertund gerade diese Abstufungen einen Einblick in die primäre Stellung desjeweiligen Andachtsbildes innerhalb der einleitend festgelegten Schichtender Religiosität erlauben. Die kultische Wirksamkeit beider Gruppen aberdürfte eben in der ikonenhaften Komposition begründet sein. Die Kopiender selbständigen ikonographischen Umprägungen des Trecento, die anbyzantinische Vorbilder anschließen, haben keine so verbreitete kultischeWirkung wie die ersten beiden Gruppen erzielt. Damit scheint ebenfalls dieDisposition der magisch- kultischen Religiosität zu hieratischen Muttergottes-bildern bewiesen zu sein.
Kultgeschichtlich betrachtet ist das Altbrünner Gnadenbild das einzigeseit dem Mittelalter konstant verehrte Lukasbild, das offenbar erst im 18.Jahrhundert in einigen nicht selbständig wallfahrtsbildenden Filiationennach Niederösterreich greift( 21-28). Die übrigen Gnadenbilder sind durch-wegs auf die gegenreformatorische Welle der Marienverehrung zurückzu-führen, wozu auch die sicherlich schon im 16. Jahrhundert familiär verehrtenCranach- Muttergottesbilder( 87, 88 und das Mariahilfbild) zu zählen sind.Der Anstoß zur Übernahme ist bei den ostkirchlichen Originalen( 1, 3)allgemein das„, Türkenmotiv", die Herkunft aus den gefährdeten Grenz-gebieten und die spezielle sowohl ost- wie westkirchlich gültige Bedeutungals Schutz gegen Feindesgefahr. Bei einem Teil der Kopien nach denDugentomarienbildern wird die Verehrung der stadtrömischen„ Lukas-bilder" maßgebend gewesen sein, während sie sonst durch die Orden über-mittelt werden. Neben diesen erklären allgemein geographische und politi-sche Beziehungen die Übernahme der übrigen Gnadenbilder.
278) Nicht nachweisbare Verehrung bzw. Verehrung außerhalb der Barockzeitgenossen zwei weitere oberdeutsche Marienbilder des 16. Jahrhunderts, die Ver-wandtschaft mit den Cranachschen Marienbildtypen zeigen: die Maria lactans in derNeuen Pfarrkirche Wien XVIII, Weinhaus( ÖKT II, 357, Fig. 445) und ein Bild beiden Englischen Fräulein in St. Pölten, das im 17. und 18. Jahrhundert in Böhmenauf Schloß Mieschitz auf Grund eines Unverkehrtheitswunders verehrt wurde und1850 durch Schenkung nach St. Pölten gelangte( Maurer- Kolb, 295).
279) Vgl. das für die russische Ikonenverehrung Festgestellte bei G. Wunderle,Um die Seele der heiligen Ikonen, eine religionspsychologische Betrachtung, Würz-burg 1937, 43.
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