Veranlagung eines Volksstammes ist eine durchaus einheitliche und wird nur durchdie Verschiedenheit der wirtschaftlichen und technologischen Lebensgrundlagen inverschiedene Bahnen und zu mannigfacher Betätigung gedrängt.
Diese Skizze der Volkskunstkreise in Österreich¹) vermag sich aus vielen Gründen,die zum größten Teil schon voranstehend erörtert worden sind, nicht ganz streng andie politische Einteilung Österreichs nach seinen Königreichen und Ländern zu halten;die Kronlandsgrenzen sind, wie man weiß, durchaus nicht immer Kultur- und Volks-grenzen, wiewohl sich oft wieder überraschende Spuren ihres Einflusses im Volks-leben finden.
Die Volkskunst ist das Kind unentwickelter wirtschaftlicher Verhältnisse undaltertümlicher ungebrochener Traditionen im Volke. Diese beiden Voraussetzungensind in den österreichischen Alpenländern, zumal den fortgeschrittensten Kronländern,Nieder- und Oberösterreich und der Steiermark, seit längster Zeit nicht mehr gegebenund nur ganz lokal hat sich hier dieser oder jener Überrest einstigen volksmäßigenHausfleißbetriebes von künstlerischem Charakter erhalten können. Allerdings, in ver-gangenen Epochen, bis zur Mitte des XIX. Jahrhunderts fortdauernd, hat hier dieVolkskunst eine vielseitige, teilweise sogar glänzende Blüte durchlebt, die nur vonder verwandten Entwicklung in gewissen Gauen Salzburgs und namentlich Tirolsnoch übertroffen wird.
Niederösterreich zunächst bildete, wiewohl es seit jeher zu einem beträchtlichenTeil unter dem beherrschenden Einflusse Wiens stand, in bezug auf seine volksmäßigeHauskultur und in volkskünstlerischer Beziehung mit den angrenzenden Ländern seitjeher eine einheitliche Provinz; nur ist hierzulande die Verarmung an eigenartigem,angestammtem Besitz längst eine erschreckend große geworden, und wie die alteTracht, ist dem niederösterreichischen Bauer auch die altertümliche Wohnweise,sein naturwüchsiger Hausrat und worin sich sonst der Volkssinn ein Zeugnis schaffenmochte, völlig abhanden gekommen. Von Zierformen am ländlichen Wohnhause istin Niederösterreich bis auf wenige Auszierungen mit buntem Kratzputz( Sgraffito),die zumeist von wandernden Italienern besorgt wurden und mit dem XVIII. Jahr-hundert aufhören, so gut wie nichts vorhanden. Unscheinbare Heiligenbilder inFreskomalerei an der verputzten Außenmauer sind nichts Seltenes. Die bemaltenMöbel kamen wie sonst in den Alpen vor. Hirtenkunst wie in Salzburg oder Tirol istmit Ausnahme des Ötschergebietes nie zu irgendwelcher bedeutenderen Entwicklunggelangt. Die Hafnerarbeiten, am Ostrande Niederösterreichs, in Mannersdorf, Stampfen,dann im Steinfelde, wie in Leobersdorf, Wiener- Neustadt, Neunkirchen, Brunn a. St.,Krems, in Haag zu einiger künstlerischer Blüte gekommen, haben gegen den künstle-rischen Reichtum Oberösterreichs auf diesem Gebiete nicht zu konkurrieren vermocht;an volkstümlichen Textilien weist zwar eine Sammlung wie die bekannte des NotarsDr. E. Frischauf im Krahuletz- Museum zu Eggenburg aus Niederösterreich eineganz reiche Fülle von Stickereien für häusliche und kirchliche Zwecke auf, doch istihre Stelle mehr im bürgerlichen als im bäuerlichen Haushalte gewesen.
Auf den relativ hohen Stand der niederösterreichischen Volksschmiedekunst imXVII. und XVIII. Jahrhundert weisen allein die zahlreichen Grabkreuze und Grab-schilder, die sich in Sammlungen und örtlich noch auf Dorffriedhöfen finden, abgesehen
1) Ein geringer Teil der nachstehenden Ausführungen ist in kürzerer Form bereits als Einführungzu dem vom Verfasser hergestellten Katalog der Ausstellung österreichischer Volkskunst, 1905/06,S. 1-6, 15-26, 109-119 erschienen.
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