Gegend unter seinesgleichen hervorzutun, der stärkste Ansporn, die begonnene Arbeitmit Aufwand unendlicher Geduld, Mühe und Zeit durchzuführen, ein Ansporn, dersofort erlischt und zum Untergang jeder volkskünstlerischen Arbeit führt, wenn dieeigenen Erzeugnisse irgendeiner Volksgruppe infolge Eindringens fremder Industrie-produkte nicht mehr in altem Maße imponieren und behagen.')
Wenn wir noch mit einem kurzen Blick die Träger der soeben besprochenenprimären Volkskunst, die nur für den eigenen Gebrauch, zu eigener Lust schafft,durchmustern wollen, so finden wir, wie erwähnt, die beiden Geschlechter im Sinneihrer wirtschaftlichen Arbeitsteilung gleichmäßig beteiligt, und zwar hauptsächlich diejüngeren Altersstufen, in denen der ästhetische Sinn noch lebendiger ist; aus wirt-schaftlichen Gründen sind auch die bejahrteren Leute wieder, da sie mehr Muße haben,viel sitzen und sich im Hause beschäftigen, volkskünstlerisch mehr tätig als dierüstigen Männer und Weiber Glossar ::: zum Glossareintrag Weiber, auf denen die Hauptlast der wirtschaftlichen Arbeit ruht.Die gemeinsame Arbeit der Mädchen in den Spinnstuben, das Zusammenarbeiten derFreundinnen, wenn es gilt, einer Braut ihre Ausstattung an Stickereien besorgen zuhelfen was unter der Form der» Bittarbeit bei Hannaken und Slowaken üblich wardie Spezialisierung der Stickereikünste bei den Huzulinnen, wo dorfweise zwei bis dreibesonders geschickte Arbeiterinnen die prächtig gestickten Hemdeinsätze auf Bestellungzu arbeiten pflegen; in der männlichen Sphäre die Hirtenkunst, die geradezu alsein besonderer Zweig der Volkskunst gelten kann³): es sind dies alles typische Zügeim Betriebe der primären Volkskunst, welche auf ihre Eigenart bestimmenden Ein-fluß nehmen.
Wir haben gesehen, daß auch die hausindustriellen Erzeugnisse, welchenicht mehr für den eigenen Bedarf, sondern für den Tausch oder Verkauf, und zwarauf dem Wege einer sehr weit vorgeschrittenen Arbeitsteilung, in Masse hergestelltwerden, zum Teil volkskünstlerischen Rang und Wert beanspruchen dürfen. Wirhaben hier eine interessante und altertümliche Übergangsform zur handwerksmäßigenArbeit vor uns, die überall doch wieder eine ganz eigentümliche Entwicklung durch-laufen hat. Künstlerischen Charakter haben ganz wenige Zweige der Hausindustriein Europa, und es sind hauptsächlich die Spitzenindustrien, die in den Händen derWeiber Glossar ::: zum Glossareintrag Weiber, aber auch teilweise der Männer liegen, sowie einige holzverarbeitende Haus-industrien, welche mit der Bilderschnitzerei alte Zusammenhänge besitzen; in wirt-schaftlich zurückgebliebenen Gegenden( z. B. in Ungarn) kommt sporadisch auchhausindustriell betriebene Töpferei vor, die mitunter von einem volkskünstlerichen Hauchegeadelt erscheint. Auf die ungünstigsten Plätze zurückgedrängt, noch unkundig desWertes der Zeit und der menschlichen Arbeitskraft, sind diese Hausindustrien meistdie armselige Kunst armer Waldbauern und Keuschler, geübt in den schlimmstenZeiten des Jahres und für kärglichen Lohn. Wenn ein schwacher Strahl von wirk-licher Kunstempfindung einmal in diese von immerwährender Notdurft bedrängteArbeitswelt fällt, so gibt es wohl vorübergehend und vereinzelt fröhliche Produktionund besseren Verdienst; aber bald zieht die kahle Armut das künstlerisch aufstrebendeProdukt wiederum herab auf das Niveau der nüchternsten, sparsamsten Praxis. Vonden holzverarbeitenden Hausindustrien Österreichs, die noch vor wenigen Jahrzehnten
1) Genau denselben psychologischen Grund macht ein genauer Kenner für den Verfall deroriginalen Arbeit auch bei Naturvölkern Glossar ::: zum Glossareintrag Naturvölkern verantwortlich. Vgl. Eylmann, Die Eingeborenen derKolonie Südaustraliens. S. 456, Anm.
2) Hirtenkunst, von Konrad Hörmann. Zeitschrift des Vereines für Volkskunst. München 1903,S. 95 ff. und 103 ff.
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