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die Auffassung vertreten, die Bauernkunst sei in formeller Beziehung überall nureine niedriger stehende Form der seit den frühesten Zeiten jeweilig gangbaren Kunst,mit anderen Worten, die Bauernkunst ist bloß verspätete und altmodisch gewordeneBürgerkunst, um etliche Grade bis zu rustikaler Roheit gesunkene und verwilderteAllerweltskunst. In dieser Schroffheit und Allgemeinheit ausgedrückt ist ForrersAnsicht nun gewiß nicht richtig. Die ländliche Kunst ist vielfach ein Nebenlauf derallgemeinen Kunstübung eines Volkes. Im Dunkel gleichsam prähistorischer Zeitläufteüberlieferte Traditionen sind in ihr erhalten oder verwertet, und ihr Kapital vonFormen und Techniken ist kein bloßes Almosen der höheren Kultur, sondern ofturalter, treu bewahrter Besitz, der auf höheren Kulturstufen sich zum Schaden derEntwicklung meist verloren hat. Das Gleichnis von dem mundartlichen Charakterder Bauernkunst beleuchtet dieses Verhältnis vielleicht am deutlichsten. Wie dieMundart zur herrschenden höheren Sprache, steht sie zur großen Weltkunst. DerDialekt ist im allgemeinen wohl die Quelle der höheren Rede einer Nation, imbesonderen Falle aber oft Seitenentwicklung, Stillstand, mitunter sogar Verfall undVerderb. Genau so die Volkskunst. Alle Vorzüge der Mundart sind ihr zu eigen:reicherer Quellsaft, kräftigere Tinten, urwüchsige Schlagkraft, bis zur Derbheit undRoheit gesteigert; aber auch alle Mängel des Dialektes haften ihr an: Gebundenheit
an die Scholle, engeraer Horizont, Ideenarmut, beschränktes Lexikon. Wann sich die
Entwicklung der Volkskunst in der allgemeinen Kunstübung eines Volkes abzweigt,ist natürlich in den verschiedenen Fällen verschieden. In Europa herrschen dies-bezüglich entsprechend den mannigfaltigen Kultur- und Wirtschaftsverhältnissen unddem verschiedenen Geschichtsgange große Unterschiede. Während der Norden undOsten, wie R. Forrer, A. Riegl u. a. hervorgehoben haben, im allgemeinen nochkeine prinzipielle und durchgängige Scheidung von Hoch- und Volkskunst erfahrenhaben, ist eine solche in Westeuropa und in Mitteleuropa schon recht früh eingetreten.H. Stegmann setzt die Abzweigung einer besonderen bäuerlichen Kultur, sofern über-haupt von ihr die Rede sein kann, in das späteste Mittelalter.') Ich möchte dabeizu bedenken geben, daß sich eine solche Loslösung der Volkskunst auch nicht gleich-mäßig und gleichzeitig auf den verschiedenen Produktionsgebieten vollzogen habenkann. In den textilen Künsten, wo auf bäuerlicher Seite die Produktion vorwiegendSache der weiblichen Bevölkerung ist, ist jene Trennung des Handwerks vom Haus-werk im allgemeinen sicher viel später erfolgt, als etwa auf dem keramischen Gebiete;die Metallverarbeitung, welche eigentlich nie Gegenstand der Hausarbeit gewesenist, ist volkskünstlerisch gänzlich anders gestellt als die volkstümlichen Holzarbeitender Hirtenkunst. Wie man sieht, ist der Begriff der Volkskunst durchaus kein ein-facher und klarer, und es obliegt uns vor allem, ihn durch Konkretisierung und durchdie Betrachtung seiner wirtschaftlichen und lebendigen Grundlagen faßlicher zu machen.Karl Bücher unterscheidet in seiner Geschichte der Volkswirtschaftslehre zweiArten der ökonomischen Betätigung: die Urproduktion einerseits, das Gewerbe ander-seits. Beide sind zunächst eng verbunden: wer die Rohstoffe erzeugt, verarbeitet sie auchweiter und verwendet die auf diese Weise entstehenden Produkte in der eigenenWirtschaft, wobei bereits eine scharfe Trennung der Tätigkeit nach den Geschlechternbesteht. Diese Stufe der Stoffverarbeitung ist der Hausfleiß oder das Hauswerk.Eine höhere Stufe derselben entsteht, wenn Überschüsse dieser gewerblichen Tätigkeitgegen andere Produkte ausgetauscht werden: es ist die Hausindustrie, die meistals Stammes- oder Ortsgewerbe auftritt. Eine weitere Stufe ist das Lohnwerk, bei1) Anzeiger des German. Nationalmuseums. 1902, Heft II, S. 67.
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