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4.3 Das Heilige in der Politik
Moderne politische Bewegungen undGebilde wie Parteien oder Nationenschaffen sich im Zuge der Säkularisie-rung, der allmählichen Trennung vonStaat und Kirche, ihre eigenenRitualisierungen, Symbole und Kult-figuren, die nicht selten der christlichenoder genauer der römisch- katholischenTradition entlehnt sind. Ihr Zweckist es, eine emotionale Bindung zuschaffen, ein Gemeinschaftsgefühlzu festigen oder zu erzeugen, einehöhere Legitimation herzustellenund Identifikationsmöglichkeitenzu bieten.
4.3.1( Abb. S. 28)
Allegorie der MachtGemälde, Öl auf LeinwandCarl von Blaas
Personifizierung der Macht, dargestelltdurch eine sitzende Frau mit Reichskrone,Kaisermantel und Stola in Frontalhaltung mitstarrer, direkter Blickrichtung, in der rechtenHand hält sie den Reichsapfel; gestützt aufden Schild mit Adler, hält sie in der rechtenHand Szepter und Pergamentrolle. DerEntwurf war ursprünglich als Vorlage fürdas Fresko in der Kuppel der Ruhmeshalleim Heeresgeschichtlichen Museum in Wienbestimmt.
1859
H: 79 cm, B: 65 cm
Rahmen H: 95 cm, B: 82 cm, T: 8 cmBelvedere, Wien, 2718
Der Krönungsritus wurde im Mittelalter undin ganz Europa im Rahmen einer Messfeierauf ähnliche Weise vollzogen. Zentraler Aktwar die Salbung und damit Weihe durcheinen Bischof oder den Papst-„ von GottesGnaden". Im Laufe der Neuzeit wurdedas sakrale Element der Krönung jedochabgeschwächt und die Vormachtstellungund Legitimation des Herrschers stärkerweltlich begründet, beispielsweise aus seinerHerkunft. Jedoch blieb die Gleichsetzung vonStaatsmacht und Monarchie auch noch im19. Jahrhundert politisch dominant. KP
4.3.2
Königsschlumpf
Kunststoff
Peyo( Pierre Culliford)
Blauer Schlumpf mit rotem Umhang undgoldener Mütze, darauf eine gelbe Krone,in der linken Hand ein FliegenpilzszepterHongkong, Schleich, 1978
H: 6 cm, B: 4,5 cm, T: 3,5 cmPrivate Leihgabe
Was macht einen König aus? DieserSchlumpf trägt die Insignien der Macht: Kro-ne, Szepter, Purpurmantel. Er ist eindeutigals König zu erkennen. Aber ist er dadurchschon in den sakralen Bereich entrückt?Die Transformation zum König erfolgt immittelalterlichen Verständnis nicht durch dieAccessoires, sondern mit der Salbung durcheinen Bischof oder den Papst.
Die Darstellung eines Herrschers alsaugenzwinkerndes Spielzeug für Kinderwäre vor der Säkularisierung wohl kaummöglich gewesen. Diese Figur steht fürdas Verständnis von Herrschaft in dersäkularisierten Moderne. KP
4.3.3
Verbrüderungsfest 1790:Altar der Republik
Reproduktion einer koloriertenDruckgrafik, auf Alu kaschiert
Verbrüderungsfest auf dem Marsfeld in Parisam 14. Juli 1790, in der Mitte des Platzes derAltar der Republik
H: 17,6 cm, B: 22,3 cm
© Roger- Viollet
Die Französische Revolution steht für einneues Verständnis von Macht und Herr-schaft. In ihrem Verlauf wird die alte Ord-nung auf den Kopf gestellt. Oberste Instanzist nicht mehr Gott und durch ihn der König,sondern der Staat an sich, die Nation alsGemeinschaft aller Bürger und Bürgerinnenim Ideal der„ Gleichheit, Freiheit und Brü-derlichkeit". In den jährlich stattfindendenRevolutionsfesten wird dieser Ablösungs-prozess sichtbar. Die Choreographie desFöderationsfestes von 1790 am Jahrestagdes Bastillensturms lehnt sich noch eng ankirchliche Prozessionen an: Abteilungen derNationalgarde marschieren auf, eine Messewird gefeiert. Noch ist der König anwesend.KP
Lit.: Christina Schröer: Spektakel des Umbruchs.Politische Inszenierungen in der FranzösischenRevolution zwischen Tradition und Moderne.In: Barbara Stollberg- Rilinger u.a.( Hg.): Spektakelder Macht. Rituale im alten Europa 800-1800.Darmstadt 2008, S.216-221.
4.3.4( Abb. S. 35)
Verbrüderungsfest 1790: Eid des LafayetteReproduktion eines Ölgemäldes vonJacques- Louis David, 1791, auf Alu kaschiertDer Eid des Lafayette beim Verbrüderungs-fest auf dem Marsfeld in Paris am 14. Juli1790. Im Zentrum steht Lafayette, den Eidschwörend, daneben sein Sohn GeorgesWashington, rechts zelebriert BischofTalleyrand die Messe.
H: 43,5 cm, B: 35 cm
Musée Carnavalet, Paris/ Roger- Viollet