Vorwort
In welchen Grenzen ist Europa zu denken? Abgesehenvon der geographischen Grenze, die nach wie vor nichteindeutig definiert ist, endet eine weitere Grenze derVorstellung von Europa für Viele auch heute noch dort,wo dessen lateinische Tradition endet. Doch es gibt nichtnur einen lateinischen Westteil, sondern auch einengriechischen Ostteil, und auch dort baute man auf denTraditionen von Antike und Christentum auf.„ Byzanzgehört ebenso zum Mittelalter wie Rom, und die von ihmreligiös, politisch, kulturell und wirtschaftlich geprägtenslawischen Völker gehören ebenso zu Europa wie die vomrömisch- lateinischen Christentum durchdrungenen ger-manischen[ und romanischen, erg. M.S.] Völker"( PeterSegl). Fernand Braudel sagte einmal, wenn er eine rus-sische Kirche betrete und dort Bilder des Hl. Michael oderdes Hl. Georg sehe, befinde er sich eindeutig in Europa.
In welchen Grenzen bewegt sich der Begriff von Heilig-keit? Weit mehr noch sind sie hier fließend, dehnbar undbiegsam in alle möglichen denkbaren wie gewünschtenRichtungen. Gerade in der Geschichte von Heiligkeit, wiesie gemacht, popularisiert und gelenkt wird, zeigt sich dielange Tradition kultur- und herrschaftspolitischer Set-zungen im Bereich des Religiösen. Die politische Europä-isierung erschöpft sich demnach nicht in wirtschaftlichenund gesellschaftlichen Kategorien, sondern greift tief bisan die Wurzeln menschlichen Fühlens und Denkens undin die Bereiche kultureller Identität, wie sie sich unter an-derem in Form von religiösem Empfinden darstellen. Dasvorliegende Buch und die begleitende Ausstellung versu-chen dies in einigen Facetten auszuloten.
Den Anstoß für die Beschäftigung mit dem Thema gabenzwei Ausstellungen und begleitende Bücher des ver-gangenen Jahres, die das Thema- einerseits staatstragend
unter dem Segel( und Segen?) des Vatikans und der Spit-zen der Republik Italien¹, andererseits nicht viel wenigerprominent platziert, innerhalb des Programms der euro-päischen Kulturhauptstadt Linz 20092- in den Blick nah-men. Die Darstellung„ Heilige in Europa. Kult und Politik"im Österreichischen Museum für Volkskunde 2010 zeigtweitere Denkvarianten und Deutungsmöglichkeiten aufund lädt darüber hinaus ein, die im Katalog verzeichne-ten Objekte nicht nur als künstlerisch- ästhetische und/oder alltagsgebräuchliche Exponate zu sehen, sondern imKontext einer volkskundlich- kulturhistorisch wie kultur-politisch ausgerichteten Befragung zu lesen.
Der Ausstellungsort Volkskundemuseum im Gartenpalaisdes ehemaligen Reichsvizekanzlers am österreichischenHof und späteren Fürstbischofs von Würzburg, FriedrichKarl Graf v. Schönborn( 1674-1746), der seiner Zeit ge-mäß geistliche und weltliche Herrschaft als selbstverständ-lich und gottgegeben vereinte, lässt da nicht von ungefähran eine Verbindung der Handlungsstränge des Drehbuchszur Ausstellung mit dem historischen Ort denken.
Zu danken habe ich ganz herzlich dem so engagiert wieprofessionell agierenden Team, den Kollegen Dir. Dr.Peter Assmann und HR Dr. Dietmar Assmann sowie denvielen im Anhang namentlich genannten Leihgeberinnenund Leihgebern der Ausstellung.
Margot Schindler
1 Alessio Geretti u.a: Il Potere e la Grazia. I Santi Patroni d'Europa.Roma, Palazzo Venezia 7 ottobre 2009- 31 gennaio 2010. O. O.( Milan/ Mailand) 2009; http://www.c6.tv/video/6269-il-potere-e- la- grazia- i- santi- patroni- d'europa, aufgerufen am 10.10.2010
2 Assmann, Peter( Hg.): Nationalheilige Europas.(= Kataloge derOberösterreichischen Landesmuseen, N.S.100). Linz 2009
7