Andreas Lotz
Das Selig undHeiligsprechungsverfahrenin der katholischen Kircheim Überblick
Angesichts der Vielzahl in jüngster Zeit abgeschlos-sener Selig- und Heiligsprechungsverfahren von DienernGottes im deutschen Sprachraum, die entweder von hierstammen oder die hier zum Teil gelebt und gewirkt habenund deshalb besondere Verehrung genießen, sowie vonDienern Gottes, deren Prozess gerade vor dem Abschlusssteht, stellt sich manchem die Frage nach dem Ablaufund der Geschichte des Selig- und Heiligsprechungsver-fahrens in der katholischen Kirche. Zuweilen wird wohlKritik laut an der oft langwierigen Prozedur bestimmterVerfahren wie auch an den unverhältnismäßig hohenProzesskosten. Diese würden den Aufwand gar nicht loh-nen, schließlich gäbe es ohnehin bereits eine nicht mehrüberschaubare Menge kanonisierter Heiliger.Wenn auch heute die Heiligenverehrung und die eherkomplizierte Prozedur der Heiligsprechung in der Kirchenicht im Mittelpunkt theologischer Reflexion stehen,ist doch nicht zu vergessen, dass alle Menschen gutenWillens und selbstverständlich alle Getauften zur end-gültigen Verbindung mit Gott, und d. h. nichts anderesals zur Heiligkeit, berufen sind. So ist die Tatsache, dassdie Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils über dieHeiligenverehrung zentrale Teile der dogmatischen Kon-stitution über die Kirche darstellen, keineswegs zufällig,sondern von den Vätern des Konzils bewusst so gesetzt,um ihre theologische Bedeutung zu unterstreichen. Undsie beantworten damit zugleich die Frage, weshalb dieKirche bereit ist, einen Menschen zu kanonisieren, d.h.in das Verzeichnis der Heiligen, Kanon genannt, aufzu-nehmen und damit bereits jetzt autoritär zu erklären,er gehöre zu der Schar der Seligen und Heiligen, derenendgültige Erlösung feststeht: Die großen Heiligen-
gestalten der Kirche zeigen in klarer Weise die besondereVorbildwirkung für die Gläubigen der heutigen Zeit. EinFranz von Assisi zum Beispiel oder Ignatius von Loyolawaren Persönlichkeiten, die nicht nur einem allgemeinenNormenkatalog gefolgt sind, sondern die ihre jeweiligeIndividualität mit eingebracht haben und damit ge-schichtsbestimmend wurden.
Anfangs waren ,, Selige“ und„ Heilige" oft Synonyme. In derFrühzeit der Kirche stand die Frage des Überlebens, undnicht selten waren Märtyrer Zeugen des jungen Glaubens.Die konkrete Ortskirche gedachte am Grab ihrer beson-deren Glaubenszeugnisse und so entstand eine spontaneVerehrung. Diese Verehrung fand auch in die Liturgie, alsoin den Gottesdienst, Eingang. Am Beginn stand also keinformalisiertes Verfahren, sondern die Vorbildwirkung derHeiligen und der spontane Glaube der Menschen. Es wardie gläubige Gemeinde selbst, die sich ihre Seligen undHeiligen schuf und in spontaner Weise verehrte. Wenn wiran die großen Gestalten, die auch heute noch in der Kir-che und insbesondere in der Liturgie angerufen und ver-ehrt werden, denken( die Muttergottes, die Apostel oderdie Kirchenlehrer), so finden wir nur für die wenigstenvon ihnen vor allem jener, deren Leben schon lange Zeitzurückliegt ein nachvollziehbares und ausgeklügeltesVerfahren zu deren Selig- oder Heiligsprechung. Zudemwar es lange Zeit hindurch der jeweiligen Ortskirche über-lassen, jemanden zu kanonisieren, also in den liturgischenKalender der jeweiligen Diözese aufzunehmen. Die Initi-ative für eine mögliche Selig- und Heiligsprechung kamdem jeweiligen Ortsbischof zu, es stand also in besondererWeise die lokale Bedeutung im Vordergrund.
Das Selig und Heiligsprechungsverfahren in der katholischen Kirche im Überblick
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