Kathrin Pallestrang
Vom Sakralen
in der PolitikÜberlegungen aus kulturwissenschaftlicher Sicht
Politik ist eine Angelegenheit, die- so scheint es auf denersten Blick weltlicher nicht sein könnte. Es geht dabeium die ,, Steuerung von Staat und Gesellschaft im Ganzen" ¹,um die Regelung und Ordnung des Zusammenlebens, umdie Positionierung der eigenen Gemeinschaft neben ande-ren politischen Zusammenschlüssen. In dreifacher Hin-sicht ist jedoch der Bereich der Religion und des Glaubensund mit ihnen die transzendente, sakrale Ebene, der Politiknäher als gedacht- und dies nicht nur, wenn es um dieErmöglichung oder Verhinderung von Religionsausübungund Glaubensäußerungen wie beispielsweise dem Kir-chen-/ Moscheen-/ Synagogenbau geht. Zum einen wurdenund werden religiöse Themen und Figuren immer wiederfür politische Zwecke eingesetzt, also- je nach Blickwin-kelfunktionalisiert, instrumentalisiert oder missbraucht,und zum anderen benötigt die Politik zugrunde liegendeReferenzwerte, an denen Entscheidungen und Handelnausgerichtet werden. Diese Referenzwerte können einebestimmte Glaubensvorstellung oder Religion sein oderaus einer solchen hervorgegangen sein bzw. mit dieser inZusammenhang stehen. Ein dritter Aspekt, der für Kultur-wissenschaftlerInnen von ganz besonderem Interesse ist,ist der Umstand, dass Politik mitunter selbst sakrale Zügeannimmt oder Idole hervorbringt, die über die reale Personhinaus überhöht werden und eine Strahlkraft und Symbol-wirkung haben, die den Heiligen des dezidiert religiösenUmfelds in nichts nachstehen.
Der folgende collageartige Text lotet anhand von aus-gewählten Beispielen aus, wie das Sakrale in der Politikder Vormoderne und vor dem Hintergrund von Säkula-risierung und postulierter Desäkularisierung vor allem inMittel- und Westeuropa sichtbar wird.
Der Papst, der Kaiser und die drei Könige
Im Mittelalter und darüber hinaus waren die sakrale unddie profane Sphäre klar getrennt gedacht.2 Was heiligund was weltlich ist, war eindeutig definiert, auch wennes unzählige Verflechtungen von Kirche und Staat, vonPolitik und Glauben gab. In der Person des Herrschersjedoch, im König oder Kaiser, trafen, ja vereinten sich diebeiden Ebenen. Der Herrscher erhielt seine Macht, imEmpfinden der Zeitgenossen, direkt von Gott, bzw. durchdie Gnade Gottes. Ebenso wie Christus erschien er ineiner Zweigestalt, als sterbliche, menschliche Hülle undals ewige, unverletzliche( göttliche) Körperschaft, die dasHeil des gesamten Volkes repräsentierte und garantierte.³Die sich aus dieser Sicht ergebenden Spannungen umdie weltliche Vorherrschaft zwischen dem heiligen rö-mischen Kaisertum( später als römisch- deutsch bezeich-net) und dem Papsttum, das sich in der Nachfolgeschaftdes Apostels Petrus sieht und sich auf dieser Grundlagesehr bald schon ebenfalls als Stellvertreter Christi aufErden interpretierte, dabei auch auf die weltliche Herr-schaftssymbolik wie die Krone oder die Farbe Purpurzurück griff, waren prägend für das gesamte Mittelalter.Der Vorgang der Kaiserkrönung, der sich bis in die früheNeuzeit nur wenig veränderte, scheint die Aufteilung derMachtverhältnisse allerdings relativ klar zu regeln: Der inFrankfurt am Main gewählte und in Aachen gekrönte Kö-nig zog nach Rom, um dort durch den Papst im Ritual derSalbung zum Kaiser geweiht zu werden. Abgesehen da-von, dass die Kaisersalbung in Rom bei etlichen gewähl-ten Königen nicht zustande kam, macht der Vorgang derWahl durch die Reichsfürsten( später durch die sieben
Vom Sakralen in der Politik
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