Herbert Nikitsch
Heilige in EuropaKult und Politik
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Heilige heute
Eine Beschäftigung mit Heiligen und ihrem Kult magauf den ersten Blick anachronistisch wirken. Im herr-schenden religionswissenschaftlichen Diskurs- ob unterder Prämisse der( seit Jahrzehnten durchdeklinierten) Sä-kularisierungsthese¹ oder der( gleichfalls seit Jahr-zehnten beschworenen)„ Wiederkehr der Götter"geführt spielen Heilige kaum eine Rolle. Auch in offizi-eller katholischer Katechese wird die„ Wolke von Zeugen" ³heute ebenso nur summarisch abgehandelt wie in kirchen-rechtlicher Kanonik. Und selbst im kirchentreuen katho-lischen Glaubensmilieu wird das religiöse Handlungsan-gebot der Heiligenverehrung, das in früherer Frömmig-keitspraxis sehr ernsthaft wahrgenommen wurde, oft nurmehr in recht beliebig- unverbindlicher Weise beachtet.5Doch wenn auch ihre Vorbild- und Vermittlungsfunktionim alltäglichen Leben selbst religiöser Menschen meistnur mehr in der offiziellen Form der liturgischen Fürbit-ten präsent ist, sind doch einige Phänomene zu beobach-ten, die jener„ Randstellung“ der Heiligen, die im Fachschon vor gut vierzig Jahren diagnostiziert worden ist,zu widersprechen scheinen. Da wäre etwa die Beobach-tung, dass das„ himmlische Hilfspersonal" doch nachwie vor, wenngleich meist bloß rhetorisch, bemüht wird:„ Nepomuk ist Schutzheiliger für neue U2- Strecke", wur-de da etwa unlängst von den„ Wiener Linien" verkündetund zugleich nicht versäumt, die Begründung mitzu-liefern:„ Nepomuk, der Brückenheilige, Florian, der vorFeuer schützen, und Christophorus, der die Reisendensicher an ihr Ziel bringen soll, sind die in Österreich amhäufigsten dargestellten Heiligen. Die Wiener U- Bahnen
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setzen diese österreichische Tradition nun fort." 8 Da istan die durch Johannes Paul II. initiierte Hausse der Selig-und Heiligsprechungen in den letzten Jahrzehnten zudenken, die nicht nur als Thema der Medien, sondernauch in durchaus engagierter Zu- oder Ablehnung in derÖffentlichkeit rezipiert werden. Und da ist nicht zuletztdie starke Präsenz profaner„ Funktionsgötter und Milieu-heiliger" zu konstatieren, jener Personen- und Starkult inPolitik, Medien und Sport also, der als„, hagiographischerHistorismus" 10 zumindest die Erinnerung an Verehrungs-formen in einer seinerzeit religiös noch musikalischerenWelt wachhält.
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Allen genannten Beispielen ist nicht nur die Reminis-zenz an die kultische Figur des Heiligen gemeinsam.Sie weisen auch auf das den Heiligen immanente Po-tential zur Transformation in ihnen fremde oft kaummehr als religiös, sondern als höchstens religionsanalog,meist jedoch als eindeutig säkular zu bezeichnende-Bedeutungszusammenhänge: Ob sie nun als„ religiöserFolklorismus“ zu„ demonstrativ- zeremonialisiertem Ge-brauch" 12 einer öffentlichen Einrichtung dienen, obsie wie bei der kürzlich erfolgten Seligsprechung desfrüheren anglikanischen Theologen und späteren katho-lischen Kardinals John Henry Newman¹³ zu fraglos kir-chenpolitischem Zweck eingesetzt werden oder ob sie inprofane Identifikationsgestalten einer mediengeleitetenIdolatrie mutieren.
Die Funktionalisierung von Heiligengestalten( wie auchvon religiösen Traditionen insgesamt) ist nicht neu-- dasangesprochene Exempel eines Kanonisationsverfahrens,wie es als kirchenrechtlich festgelegtes Procedere seitrund 400 Jahren besteht, deutet es an. Man könnte sogar
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