Druckschrift 
Heilige in Europa - Kult und Politik : [Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde, 26. Oktober 2010 bis 13. Februar 2011]
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

der Mauerfall wurden zu Signalen dieser neuen Zeit derUngewissheit. Das Irrationale war wieder zu einem ernst-zunehmenden Mitspieler geworden.

Spiritualität und die Suche nach Transzendenz wa-ren wieder salonfähig geworden. Der Soziologe HubertKnoblauch, der diese Entwicklung- durchaus nicht un-widersprochen

nachzeichnet, fasst sie als PopuläreReligion" zusammen74. Aus Versatzstücken der altenReligionen, aus Esotherik und der Mythologie allgemeinkann jeder/ jede die für sich passenden Glaubensvor-stellungen zusammensetzen. Durch die( neuen) Medienkommt es mitunter zu einer Vernetzung und Selbstorga-nisation der Gläubigen. Aber auch die herkömmlichenReligionen erleben wieder Zuspruch, wenn auch( noch?)nicht Zulauf. Der verstorbene Papst Johannes Paul II.traf mit seiner durchgeistigten, weltentrückten Art denNerv der Zeit, so wie er mit seiner Massenproduktion"von Heiligen dem modernen Bedürfnis nach Kultfigurenals Orientierungsmodelle und Mittel der( kleinen) Ent-rückungen aus dem Alltag75 entsprach. Die mediale Auf-merksamkeit ist dem Heiligen Stuhl bei Selig- und Heilig-sprechungen sicher, insbesondere wenn sie umstrittenePersonen betreffen, wie den letzten Kaiser von Österreich,Karl I., oder den Gründer des Opus Dei, Josemaría Escrivá.Politisch relevant wurde die immer wieder beschworeneRückkehr der Religion spätestens mit 9/11, dem terrori-stischen Anschlag auf das World Trade Center in NewYork und anderen Zielen in den USA am 11. September2001, in dessen Folge der amerikanische Präsident Geor-ge W. Bush, Mitglied einer evangelikalen Gemeinde undausgestattet mit politischem Sendungsbewusstsein, den,, war on terrorism"( Krieg gegen den Terrorismus) ausrief,

der in der Folge Einschränkungen und Verletzungen derBürger- und Menschenrechte im In- und Ausland mitsich brachte. Der amerikanische Faktor" 76, wie ihn derPolitikwissenschaftler Anton Pelinka nennt, soll an die-ser Stelle jedoch beiseite gelassen werden. Erstens hatdie US- Gesellschaft starke Tendenzen zur Selbstregulie-rung, und zweitens ist die Grundlage ihres Staates eineder laizistischsten überhaupt. Anders als diverse Verfas-sungen europäischer Länder77 bezieht sich die amerika-nische nicht auf Gott als Grundlage allen Seins oder alsoberste moralische oder autoritäre Instanz, wenn auch inder politischen Realität dies häufig nicht umgesetzt wird.Pelinka nennt als zweiten Faktor der Rückkehr von Reli-gion in die Politik den polnischen" 78, der allgemeiner ein ost/ süd- osteuropäischer Faktor" ist. Er versteht daruntereinerseits das Mitwirken der katholischen Kirche am Zu-sammenbruch des kommunistischen Regimes in Polen-hier ist der Beitrag der evangelischen Kirche zur Wendein der DDR ebenfalls zu nennen- und andererseits dieFunktionalisierung von Religion für politische Zwecke,die in vielen der neu entstandenen oder umstrukturiertenStaaten Ost- und Südosteuropas ein gewichtiger Faktorist, abzulesen z.B. am Balkankrieg, der als Krieg zwischenChristen und Muslimen interpretiert( und legitimiert)wurde. Die Renaissance der Nationalpatrone" 79 in Ost-mitteleuropa ist ein Symptom dafür. Der Versuch denHl. Johannes Sarkander als Nationalpatron von Mährenund damit gleichzeitig eine mährische Identität auf-zubauen, um den Befürwortern einer Abspaltung vonTschechien Futter zu geben, 80 ließe sich hier einreihen,ebenso wie die heftigen Debatten und Demonstrationenrund um die Entfernung oder Belassung eines hölzernen

Vom Sakralen in der Politik

41