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Heilige in Europa - Kult und Politik : [Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde, 26. Oktober 2010 bis 13. Februar 2011]
Entstehung
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Maria vom Siege" 29. Am deutlichsten ist eine siegreicheMuttergottes jedoch im Darstellungstypus der MariaImmaculata bzw. Maria Apocalyptica 30 ausgedrückt: an-gelehnt an die Geheime Offenbarung des Johannes( Offb12) im Neuen Testament und an die Genesis( Gen 3,15)im Alten Testament steht sie majestätisch auf Erdkugeloder Mondsichel und zertritt die Schlange, die das Böse,die Sünde, symbolisiert. Das Dogma von der Unbe-fleckten Empfängnis wurde zwar erst 1854 nach jahrhun-dertelangen innerkirchlichen Debatten verkündet, dochFerdinand III. weihte 1647 Österreich der ImmaculataConcepta. Zentrum des Marienkults wurde Mariazell mitdem Gnadenbild der Magna Mater Austriae, das nun demüberregional etablierten Marienwallfahrtsort des Heili-gen Römischen Reiches, Altötting in Bayern, bald großeKonkurrenz machte. In Mariazell stiftete Karl VI. nachdem Tod des lang ersehnten und in einer Wallfahrt ebendort hin erbetenen Thronerben ein silbernes Jesulein imGewicht des toten Kindes als Zeichen der Dankbarkeitfür das abverlangte Opfer, durch das das Heil des HausesÖsterreich und seiner Länder als gesichert galt.31Nicht nur die Marienverehrung, auch die Verehrung an-derer Heiliger wurde von den Habsburgern verinnerlichtund gefördert. 1663 erhob Leopold I. seinen Namens-patron, den heiligen Babenberger Leopold III., zum Lan-despatron, weil er- wie es in barocken Predigten hieß-,, seine Frömmigkeit den Habsburgern vererbt habe unddas Land vor Türken und Protestanten" schütze. AusSorge keine männlichen Leibeserben zu erhalten, weih-te Leopold I. 1675 Österreich und das Heilige RömischeReich zusätzlich Jesu Nährvater", dem Hl. Joseph.32 Alsder ersehnte Erbe schließlich geboren wurde, erhielt er

- selbstverständlich- den Namen dieses neuen öster-reichischen Copatrons.

Joseph II. und bereits seine Mutter Maria Theresia standenals aufgeklärte Monarchen nicht nur den Blüten derBarockfrömmigkeit kritisch gegenüber, sondern ent-wickelten auch ein anderes Herrschaftsverständnis, dassich nicht mehr ausschließlich auf das Gottesgnadentumgründete.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Zum Symbol für die neue Auffassung des Verhältnissesvon Volk zu Regierung, der Herrschaftslegitimierung unddes Staatsgedankens, deren Angelpunkt in der Aufklä-rung liegt, wurde die Französische Revolution, die als ein-schneidende Zäsur jedenfalls auf der politischen Ebeneden Beginn der Moderne anzeigt. Hans- Ulrich Thamerbezeichnet sie als Laboratorium der Moderne" 33, in deminnerhalb kürzester Zeit alle für das 19. und 20. Jahr-hundert bestimmenden Staatsformen quasi ausprobiertwurden, von der konstitutionellen Monarchie zur Repu-blik und Diktatur bis zum Militärkaisertum. Die neuenstaatstragenden Grundwerte der Freiheit, Gleichheit,Verfassung und Volkssouveränität" 34 sollten durch Ritua-le sichtbar und populär gemacht sowie ihre fundamentaleBedeutung und ihre Würde veranschaulicht( und erzeugt)werden, wobei auf das vorhandene Repertoire zurückge-griffen wurde: auf die klassische Antike, die ständisch-bürgerliche Tradition und auf kirchliche Symbolik. Dasses sich dabei häufig um tief emotionale Akte handelte,denen eine sakrale Anmutung anhaftete, macht bereitsder Ballhausschwur35 vom 20. Juni 1789 klar, bei dem die

Kathrin Pallestrang