Ungarn 84
Nicht von Herend und trotzdem gut
Die transleithanische Reichshälfte der ehemaligen Doppelmonarchie umfaßte das KönigreichUngarn, bestehend aus dem Gebiet des heutigen Ungarn, des Burgenlandes, der Slowakei,eines Teiles der Ukraine( sog. Karpathoukraine), der Wojwodina und weiters das GroßfürstentumSiebenbürgen( 1867 Union mit Ungarn) und das Königreich Kroatien und Slawonien( 1868Union mit Ungarn). Sie ist in den Sammlungen des Österreichischen Museums für Volkskundewenig vertreten, da diese Gebiete bereits von dem 1872, noch vor dem Wiener Museum,gegründeten Ethnographischen Museum in Budapest betreut und beforscht wurde. Durch singu-läre Angebote und Ankäufe oder Geschenke und durch spätere ausgezeichnete Fachkontaktezu ungarischen Kollegen, kamen im Laufe der Jahrzehnte allerdings doch immer wieder inter-essante Stücke in die Sammlung, nur erreichen diese nicht dieselbe Dichte und Objektfülle wiesie aus anderen Nachfolgestaaten des ehemaligen Reiches vorhanden sind.
Neben bereits in frühen Jahren hereingekommenen einzelnen Textilstücken, sind die,durch Vermittlung des ehemaligen Generaldirektors des Budapester Museums, Tamás Hoffmann,und seiner Mitarbeiterin, der Möbelexpertin Klára Csilléry, 1982 erworbene Möbelstube ausHarta, oder eine, ebenfalls durch Csilléry vermittelte, ungarische Weihnachtskrippe, ein sog.betlehem, besonders hervorzuheben. Mit Einzelstücken ist auch die ungarische Keramik vertre-ten; die unbemalte Hafnerware durch einen, mit 1828 datierten, grünglasierten doppelhenkeligenTopf aus Nagocs und einen bauchigen gelbglasierten Plutzer. Andere keramische Erzeugnisseder Sammlung stammen aus Muragy und aus dem Töpferzentrum von Mezőkövesd. Erwähnens-wert sind auch die sog. Tschutren, auf der Drehbank hergestellte Feld- und Schnapsflaschen.
Für die Ausstellung» 15+ 10<< wurde jedoch eine Erwerbung aus jüngster Zeit, aus demJahr 2000, ausgewählt, da kaum ein anderes Beispiel das Thema» ungarische Identität<< besserzu repräsentieren imstande wäre, als dieses Ensemble. Es handelt sich um ein Kaffeeserviceaus der Zeit des Jugendstils, hergestellt von der Firma Emil Fischer aus Budapest. Die einzelnenTeile des Services sind mit Genrebildern und Szenen aus der Landwirtschaft dekoriert, die diemit ungarischem traditionellen Leben verbundenen Klischés bedienen: das die Gänseherde inder Ebene hütende Mädchen, der Schafhirte vor dem Ziehbrunnen, das ungarische Bauernhaus.Als Element der zur Entstehungszeit des Services einsetzenden Moderne ist auf der Milch-kanne bereits eine mit Dampf betriebene Dreschmaschine abgebildet.
Literatur
Klára Csilléry:
Die Bauernmöbel von Harta
(= Kittseer Schriften zur Volkskunde,Heft 1) Kittsee, 1982