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15 + 10 European identities : Österreichisches Museum für Volkskunde ; [21. April bis 4. Juli 2004 ; eine Ausstellung anlässlich des EU-Beitritts zehn neuer Mitgliedsländer am 1. Mai 2004]
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Vorwort

7 Vorwort

Die grundlegende Umstrukturierung der europäischen Politik seit 1989/90 findet im Jahr 2004im gemeinsamen Beitritt zehn neuer Mitgliedsstaaten zur Europäischen Union einen bemerkens-werten Höhepunkt. Doch während die politischen Schritte rasch und mutig gesetzt werden,fällt es der Wirtschaft wesentlich schwerer, in ihrer Entwicklung für alle Betroffenen be-friedigend Schritt zu halten. Noch schwieriger scheint es, entgegen oberflächlicher Vorstel-lungen, im kulturellen Bereich zu sein. Da sitzen historische Grenzerfahrungen nationaler,sprachlicher und religiöser Art tief im Bewußtsein der Menschen und ziehen sich kreuz undquer durch Europa. Lang eingeübte Weltanschauungen und unterschiedliche Kulturmusterscheinen sich hartnäckiger einer Nivellierung zu widersetzen, als rechtliche, ökonomische oderpolitische Parameter. Die Europäische Union ist noch lange keine Union, weder im geistigennoch im materiellen Sinn, nur weil sie sich als solche bezeichnet.

Parallel zu den gesellschaftspolitischen Entwicklungen beschäftigt man sich im FachVolkskunde/ Europäische Ethnologie in den letzten Jahren vermehrt mit den Fragen zu dem-entsprechenden» europäischen Identitäten«. Gibt es sie überhaupt? Worin bestehen sie? Worauskonstruieren sie sich? Ein gemeinsames europäisches Identitätsgefühl ist bisher mehr Desideratals Fakt, und je fremder, bedrohlicher und weniger klar umrissen die Welt rundum erscheint,desto mehr fühlen sich viele Menschen den überschaubaren Territorien, den lokalen Räumenzugehörig. Dasselbe gilt nicht nur für geographische Einheiten, sondern materialisiert sichauch in den unterschiedlichen Bereichen des Alltagslebens, der Dingkultur und der Sprache.Beharrlich wird in den EU- Beitrittsverträgen der meisten Länder um Ausnahmeregelungenverhandelt, die nationale Besonderheiten schützen helfen sollen.

Heißt das nun, daß entgegen der politischen Integration Europas sich im kulturellenSelbstbewußtsein vermehrt nationale Kategorien als konstituierend verfestigen? Oder anders-herum gefragt: Aus welchen sonstigen Quellen speisen sich kulturelle Identitäten? Als eine derSammlung, Bewahrung und Analyse der materiellen Kultur breiter Schichten der Bevölkerungverpflichtete Institution, hat das Österreichische Museum für Volkskunde den Beitritt der zehnneuen Länder zur EU am 1. Mai 2004 zum Anlaß genommen, um gemeinsam mit vergleichbarenMuseen dieser Länder ein kleines Ausstellungsprojekt zu starten, das dieser Frage nachgeht,und um einen Akzent zum entsprechenden Termin zu setzen, der sich auch zukünftig in denSammlungen und Sammlungsperspektiven des Museums niederschlägt.