Druckschrift 
15 + 10 European identities : Österreichisches Museum für Volkskunde ; [21. April bis 4. Juli 2004 ; eine Ausstellung anlässlich des EU-Beitritts zehn neuer Mitgliedsländer am 1. Mai 2004]
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Litauen

36

Photographiertes Kulturerbe

Das an volkskünstlerischen Artefakten so reiche Litauen ist, ähnlich wie Lettland und Estland,in den Objektsammlungen des Österreichischen Museums für Volkskunde kaum vertreten.Wie fast alle volkskundlichen Sammlungen, ist auch die Wiener mehr von Zufälligkeiten undpersönlichen Vorlieben, aber auch von den Biographien der ihr nahestehenden Personengeprägt, als von systematischem Vorgehen. Die Tiroler Urlaube der Familie Haberlandt fandengenauso ihren Niederschlag in den Sammlungen, wie kriegsbedingte Aufenthalte ArthurHaberlandts auf dem Balkan, oder die Forschungsreisen von Rudolf Trebitsch und EugenieGoldstern in die Bretagne, das Baskenland oder nach Savoyen. Niemand bereiste offensichtlichdas Baltikum, und so blieben auch für Litauen die Kontakte auf Korrespondenzen und Bücher-tausch beschränkt.

Diese brachten aber reiche Ernte für die Bibliothek und im Zusammenhang mit der Wid-mung des Litauischen Nationalmuseums von einem geschmiedeten Kreuz für die Ausstellung>> 15+ 10<< auch eine überraschende Entdeckung in der Photothek des Österreichischen Museumsfür Volkskunde. Hier fanden sich nämlich 31 Photopositive von Kleindenkmälern, Dachsäulen,Glockentürmen und Marterin aus Litauen, deren Spitzen fast alle von derartigen kunstvoll ge-schmiedeten Kreuzen bekrönt sind. Der Photobestand wurde 1931 mit dem Hinweis»> im Tausch<<inventarisiert, ohne konkrete Ortsangaben für die einzelnen Denkmäler und ohne einen Vermerk,mit wem oder gegen was da getauscht worden war. Der neue, vorzüglich illustrierte Bestands-katalog von Skaidrė Urbonienė über die Sammlung derartiger Eisenspitzen der EthnographischenAbteilung des Museums in Vilnius legt aber die Vermutung nahe, es könnten Photos aus derSammlung von Adomas Varnas sein.

Die Litauer, deren Geschichte lange Zeit nicht immer ganz spannungsfrei mit jener Polensverbunden war, haben mit den Polen die tiefe Verankerung im katholischen Glauben gemeinsam.Sie widerstanden zwar als Einzige in dieser Region den permanenten Kreuzzügen des DeutschenRitterordens, doch die politische Verbindung mit Polen im 14. Jahrhundert machte sie dann alsletztes Volk Europas, dafür aber umso nachhaltiger christlich. Später war es die russische Zaren-macht, die die litauische Bevölkerung unter Druck setzte, doch das nationale Element lebte inden Volksliedern, in einer eigenen Literatur und mündlichen Überlieferung und durch dieErrichtung ebendieser Kreuzdenkmäler in den vielfältigsten ornamentalen Formen fort. National-gefühl und Religiosität lagen hier nah beisammen. So nimmt es auch nicht Wunder, daß mansich selbst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Errichtung eines» Berges derKreuze<< nahe der Stadt Šiauliai gegenüber der Sowjetmacht artikulierte. Gläubige Litauergedachten hier mit Holzkreuzen der vielen nach Russland deportierten Landsleute und setztenso ein manifestes, der Volkstradition entsprechendes Zeichen des Widerstandes.

Literatur

Albumas Lietuvių statybos irpuošybos pavyzdžių.

Album of examples of LithuanianArchitecture and Ornamentation.Kaunas 1925