Lettland 28
Mit der Tracht nach Europa
Das Österreichische Museum für Volkskunde tätigte 1993 den Ankauf einer lettischen Frauen-tracht, bestehend aus Rock, Bluse, Gilet, Schultertuch, Kopfschmuck und Schmuckfibel. Das Kos-tüm war offensichtlich neu oder zumindest wenig getragen, und war, laut Auskunft des Über-bringers, erst kürzlich, also Anfang der neunziger Jahre, im Kombinat»> Maksla«< in Lettlandangefertigt worden. Die Hersteller waren, so wurde ebenfalls mitgeteilt, spezialisiert auf Kleidungfür die Zwecke von Trachten-, Musik- oder Tanzgruppen. Bei näherer Betrachtung durch dielettischen Kollegen stellte sich nun heraus, daß das als» komplettes Kostüm«< angeboteneEnsemble eine Kompilation aus Trachtenteilen unterschiedlicher Regionen darstellt( Ost- Kurzeme,Region Zemgale und dazu eine Fibel aus dem südwestlichen Teil von Kurzeme). Es wurdewahrscheinlich schon in den 70er Jahren gefertigt, denn später begann man mehr und mehrauf» Authentizität« zu achten.
Mit der Tracht kam der Nachdruck einer Landkarte mit Bildsymbolen ins Haus, die 1938erstmals aufgelegt worden war. Die Karte preist die Attraktionen des Landes: die Schönheitender Natur, die Flora und Fauna, die Architektur der Städte und wirbt auch mit den abgebildetenTrachten der Regionen des Landes. Die Bucht von Riga lädt zur Ausfahrt mit dem Ruderboot,der Leuchtturm der Landspitze von Kolka signalisiert ebenfalls maritimes Flair. Dem Kontextdes Nachdrucks dieser Landkarte im Jahr 1990 wäre wohl interessant nachzugehen.
Zurück zur Kurzeme- Zemgale- Trachtenmischung, deren Abbild in einem 1986 von einemRedaktionskollektiv in russischer Sprache herausgegebenen historisch- ethnographischenAtlas des Baltikums in der Bibliothek des Österreichischen Museums für Volkskunde zu findenist. Sie kann hier und heute als Symbol für den Nationalstolz der Letten stehen, die ihre Trachtals Zeichen der Einheit und Einigkeit der Nation sehen, und die dieses Zeichen während derZeit der sowjetischen Okkupation und im Kampf um die Unabhängigkeit in den 80er Jahren imRahmen von Gesangs- und Tanzfestivals zu denen zehntausende Menschen kamen, auch aufimponierende Weise einsetzten. Diese alle vier Jahre stattfindenden Festivals- in Lettland,Estland und Litauen gleichermaßen beliebt- wurden daher auch 2003 in die UNESCO- Listeder immateriellen Kulturgüter aufgenommen.
Die Tracht und die Umstände ihres Ankaufs können aber auch als Symbol für das Unterwegs-Sein in Europa gesehen werden. Bekanntlich hatte man während der sowjetischen Epochesowohl als Russe als auch als Angehöriger eines von der Sowjetunion besetzten Staates amehesten durch herausragende künstlerische( etwa in Form von Folklore-, Gesangs- oder Tanz-ensembles) oder sportliche Leistungen eine Chance für eine begehrte Reise in den Westen.Durch den Verkauf dieses persönlichen Besitzes an das Österreichische Museum für Volkskundein Wien wurde das Trachtenensemble schließlich auch zum Vermächtnis eines Auswanderersauf der Suche nach neuen Perspektiven in einem fremden Land.
Literatur
levads Latviešu tautas tērpu vēsturē.Rīgā 1936
Historisch- EthnographischerAtlas des BaltikumsRiga 1986