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Volkskunde aus der Mitte : Festschrift für Olaf Bockhorn zum siebzigsten Geburtstag
Entstehung
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alt, alle übrigen waren Erwachsene. 27 Der Grund für die verheerende Ausbreitung der Seuchelag vermutlich in den beengten Wohnverhältnissen und in dem von den Holden benütztenund verseuchten Gemeinschaftsbrunnen.

Die unzureichenden hygienischen Bedingungen spiegeln sich auch in den Geburts- und Ster-bematriken der Pfarre Neusiedl am See. Von 1871 bis 1884 wurden im Saliterhof 87 Kindergeboren. Davon wurden 52 Kinder nicht älter als zwei Jahre. Das ergibt eine Kindersterb-lichkeit von 60,4%.2

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Schon um die Jahrhundertwende stellte sich die Statistik der Kindersterblichkeit infolge derFortschritte in der Geburtsmedizin ganz anders dar. Im Zeitraum von 1895 bis 1908 kamenim Saliterhof 89 Kinder auf die Welt, davon starben nur 14 Kinder innerhalb von zwei Jah-ren, was einer Kindersterblichkeit von 6,36% entspricht.

Diese Entwicklung zur Großfamilie führte zu einer radikalen Veränderung im Sozialgefügeder Salitersiedlung. Die kleinen Wohneinheiten, ursprünglich für vier- bis fünfköpfige Fami-lien gedacht, mussten nun Familien mit bis zu zehn Kinder aufnehmen. Die Gliederung desexakt 19,58 großen Wohnraumes war vor allem durch die Situierung der elementarstenMöbel wie Betten, Esstisch und Sessel bestimmt. Im Winter musste auch noch Platz für einenAufsatzofen geschaffen werden. Die aus einer solchen Wohnsituation sich ergebende psychi-sche Belastung für das innerfamiliäre Zusammenleben lässt sich unschwer erahnen. Unwei-gerlich führte das auch zu Störungen des Makro- Klimas der Siedlergemeinschaft. Dazu ka-men die widrigen Zeitumstände- Erster Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise-, die eine Ent-wicklung verstärkten, welche die ohnehin schon Not leidenden Familien in existentielleAusweglosigkeit trieben. Die illegale Beschaffung von Nahrungsmitteln, das Stehlen vonGemüse und Feldfrüchten, das Wildern mit Fallen gehörten zur täglichen Überlebensstrate-gie. Manche Bauern im Ort zeigten dafür Verständnis, andere suchten die widerrechtlichenAneignungen mit drastischen Mitteln zu verhindern. Einige der von Jugendlichen begange-nen Delikte kamen auch zur polizeilichen Ahndung. 29 Die Öffentlichkeit sah den Saliterhofals Outlaw- Zone, die tunlichst gemieden wurde.30 Die soziale Kluft zwischen der Bauern-schaft und den Arbeitern aus dem Saliterhof drückt ein aus dieser Zeit kolportierter Sprucheines Bauern aus: ,, I wird do mei Kind nit an Häusler gebn!"

Armut und fehlende Lebensperspektiven prägten das Dasein auch während der Zeit der russi-schen Besatzung. Mit der wirtschaftlichen Besserstellung ab den sechziger Jahren setzte eineWelle der Abwanderung aus dem Saliterhof ein. Wer nicht schon vorher in Wien einen Jobals Hausmeister oder in ähnlichen Positionen gefunden hatte, dem bot sich nun durch dieStadtgemeinde eine günstige Gelegenheit, sich auf der Sandgstätten der Wienerstraße oderauf dem Goldberg ein Haus zu bauen. Die Stadt bot hier Grundstücke zu einem Quadratme-terpreis von 1.- ÖS an. Der Goldberg und die Wienerstraße wurden so zu einer Exilsiedlung

27 Wolfgang Knabl, Stefan Lang: 1831- Cholera in Neusiedl am See. In: Neusiedler Jahrbuch, Bd. 3, 2000,

S. 51-62.

28 Matrikenbücher der Pfarre Neusiedl am See, Archiv der Stadtpfarre.

29 In einem Polizeiakt des Jahres 1959 findet sich dazu folgende Notiz: Die arbeitslosen N.N. verabredetensich gemeinsam Einbruchsdiebstähle zu begehen, um mit dem Erlös der Beute ihren Lebensunterhalt zu bestrei-ten." Neusiedler Polzeiarchiv.

30 ,, Die Insassen verfluchen es, die Dorfleute machen einen weiten Bogen herum." Dieses Zitat zur öffentlichenWahrnehmung von Meierhofsiedlungen in Westungarn aus János Gerse: Ergänzende Angaben zur Geschichteder Meierhöfe des Komitats Vas und der in den Domänen beschäftigten Gutsarbeiter. In: Bockhorn, Slapansky1990( wie Anm. 20), S. 76.

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