Konflikte um den laufenden Betrieb
Die Lustenauerinnen konnten nun also abseits einer womöglich großen Familie in Ruhe ihreKinder zur Welt bringen, unter guten hygienischen Bedingungen, mit Hilfe einer Hebamme²4und wenn nötig eines Arztes, versorgt von den Barmherzigen Schwestern. Der Armenrat hat-te eine Tarifordnung erlassen, für versicherte Frauen gewährte die Krankenkasse einen Zu-schuss, war eine Wöchnerin mittellos, richtete die Hebamme ihre Rechnung an die Gemein-de.25 Bürgermeister Josef Hollenstein hatte sich zwar mit dem Bau des Versorgungsheimseinen Platz im Himmelreich verdient, wie der Lustenauer Pfarrer anlässlich der Eröffnunggesagt haben soll, 26 doch auf Erden fanden die Schwierigkeiten und Konflikte mit Inbetrieb-nahme der Institution kein Ende. Immer wieder flammte die Debatte über den finanziellenAufwand des Versorgungs- und Entbindungsheims auf: Auch der laufende Betrieb kosteteund – wie noch zu zeigen sein wird – immer wieder einmal kostete er wechselnden Beobach-terInnen zu viel.
Die geringsten Kosten verursachten die im Heim arbeitenden Ordensschwestern, dennochhatten auch sie immer wieder Kommunikationsbedarf übers Geld, so forderten sie mehrfach,ihre ohnehin minimalen Löhne zu erhöhen. Aber nicht ausschließlich Finanzielles- auchAtmosphärisches evozierte Beschwerde. Wie schon früher, als sie die Zustände im alten Ar-menhaus ihren Schwestern unzumutbar fand, versah Oberin Brindlinger ihren Einspruch mitklaren Bedingungen. In einem Schreiben 1931 verlangte sie, dass zwischen der Gemeindeund den Ordensfrauen das Vertrauen wieder hergestellt werden müsse, denn nur im gutenEinvernehmen könnten diese ihre„ gedeihliche Wirksamkeit" entfalten. Sie dürften nichtmehr bespitzelt werden und jene Hausinsaßen, die sich diverser Respektlosigkeiten undÜbertretungen der Hausordnung„ erfrechten", müssten verlässlich vom Verwalter, den dieGemeinde stellte, zur Raison gebracht werden. 27 Sechs Jahre später musste sich die General-oberin wiederum für ihre Mitarbeiterinnen in Lustenau einsetzen und drohte diesmal explizit:,, Das Mutterhaus hat ca 120 Filialen, aber nirgends werden die Schwestern so rücksichtslosbehandelt wie in Lustenau, und doch haben sie nirgends größere Opfer zu bringen und mehrArbeit zu leisten als gerade in diesem Hause“, beschrieb sie die Lage, um dann zu betonen,dass unter den herrschenden Umständen, die Filiale nicht mehr aufrecht erhalten werdenkönne. Besonders schwierig und konfliktreich schien der Dienst im Entbindungsheim gewe-sen zu sein, hier belieẞ die Oberin es nicht beim Drohen, der Rückzug erfolgte prompt:,,[ B] esonders lehnen wir es entschieden ab, noch weiter die Wöchnerinnen- Abteilung zu be-sorgen". 28 Der Bürgermeister reagierte auf dieses Schreiben schnell, beschwichtigte und ver-sprach brieflich Besserung- offensichtlich mit Erfolg, denn im September 1936 wurde der
24 Ende der 1920er Jahre arbeiteten in Lustenau vier Gemeindehebammen; eine weitere Hebamme war freipraktizierend. Die Schwangere bestellte ihre Wahlhebamme zur Geburt ins Entbindungsheim; Adolf Bösch:Geburtshilfe in Lustenau einst und jetzt( 1989/1990). In: Lustenau und seine Geschichte, Bd. 4: Geschichten ausdem alten Lustenau. Lustenau 1996, S. 158-167, hier S. 162.
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In der Wöchnerinnenstation kostete die erste Klasse S 9,- pro Tag, in der zweiten Klasse waren 7,-, in derdritten Klasse 5,- zu bezahlen; Bösch 1996( wie Anm. 24), S. 161. Im Frühjahr 1927 kostete auf den WienerGroßmärkten ein Kilogramm Teebutter zwischen S 7,- und 7,50; Wiener Zeitung, 2.4.1927, S. 10.
26 Wolfgang Scheffknecht: Die Anfänge des Lustenauer Entbindungsheimes. In: Lustenauer Gemeindeblatt 113,39, 26.9.1997, o. S.
27 Schreiben Ludwiga Brindlinger an die Gemeinde Lustenau, Zl. 298, Zams, 21.8.1931; HAL, Schachtel 163,loses Blatt.
28 Schreiben Ludwiga Brindlinger an die Gemeinde Lustenau, Zl. 408, Zams, 21.8.1936, Betrifft: Vertragssacheu. Beschwerde; HAL, Schachtel 163, loses Blatt.
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