19. Jahrhunderts die aseptische Händereinigung empfahl, starben in den Kliniken unter derHand der Ärzte Mütter in großer Zahl am sogenannten Kindbettfieber. Geburtshelfer undStudenten kamen mitunter direkt vom Sezieren in den Kreiẞsaal und infizierten die Frauenim Zuge von Untersuchungen, Geburten und Operationen. Die Historikerin VerenaPawlowsky schildert Situation und Interaktion von Patientinnen und Personal des WienerGebärhauses im Allgemeinen Krankenhaus, dem- obgleich es dort auch zahlende Patientin-nen gab- der Ruf anhaftete ,, für ein verachtenswertes Publikum zuständig zu sein“. 10 Die,, verachtenswerten“ Frauen wurden nicht nur als Unterrichtsobjekte genützt und den damitverbundenen Gefahren ausgesetzt, sondern durch das untergeordnete Personal- Hausdiener,Wärterinnen und Hebammen- ausgebeutet. So wurden Schwangere und Wöchnerinnen etwainoffiziell und unerlaubt zu Extraarbeiten und Extrazahlungen angehalten, gegen Bestechungals Ammen vermittelt und ähnliches.¹¹
Solch Unbill hatten die Klientinnen des Entbindungsheims Lustenau nicht zu erwarten, hierging es nicht darum, aus Not Kapital zu schlagen; Ausgangspunkt war im Gegenteil, der Be-obachtung Rechnung zu tragen, dass die Vorgänge rund um Schwangerschaft und Geburtaufgrund der soziokulturellen Realität vieler Frauen für sie und ihre Kinder eine Bedrohungdarstellten. Die Zuständigkeit von Frauen für Familie und Soziales ist in unseren Breiten einetraditionelle, trotzdem ist bemerkenswert, dass die Gemeindevertretung sich vom Erfah-rungswissen einer Ordensschwester überzeugen und dementsprechende Aktion folgen ließ.Im Juli 1924 veröffentlichte der Bürgermeister im örtlichen Gemeindeblatt einen„ Aufruf andie Bevölkerung von Lustenau“, in dem er um tätige Mithilfe bat- vor allem Arbeiter undFuhrwerksbesitzer waren gefragt-, den BürgerInnen aber auch Folgendes mitteilte:
,, Viele Hindernisse sind endlich beseitigt, eine Einigung wurde erzielt; nun kann derlangersehnte, viel umstrittene Bau des Versorgungsheimes beginnen. Soll man nocheinmal die dringende Notwendigkeit dieses Unternehmens betonen? Wer die Stimmungder Bevölkerung kennt, verliert darüber kein Wort mehr. Jetzt heißt es handeln!" 12Diese Worte suggerieren, dass die Streitigkeiten um das Versorgungsheim zahlreich undauch zu Baubeginn noch nicht ganz ausgestanden waren. Einigen Konfliktsträngen und Ar-gumentationslinien gehe ich im Folgenden nach:
Baukomitee Versorgungsheim Lustenau gegen FC 07
Der Fußballverein FC Lustenau 1907 nutzte für seine Aktivitäten ein Grundstück amRheindamm, das in Vereinsbesitz war. Als der FC 07 bald nach seiner Gründung mehr Raumbrauchte, wollte er ein benachbartes Grundstück kaufen. Die Gemeinde als Grundbesitzerinhätte diesem Wunsch entsprochen, nachdem es sich aber um einen Teil des Lustenauer Ar-
darlegt; Jürgen Schlumbohm: Der Blick des Arztes, oder: wie Gebärende zu Patientinnen wurden. Das Entbin-dungshospital der Universität Göttingen um 1800. In: ders.[ u. a.] 1998, S. 170-191; Metz- Becker 1998( wieAnm. 7).
Alfred Rockenschaub: Gebären ohne Aberglauben. Fibel und Plädoyer für die Hebammenkunst. Wien 2005( 3., verb. Aufl., Orig. 1998), S. 39f.
10 Verena Pawlowsky: Trinkgelder, Privatarbeiten, Schleichhandel mit Ammen: Personal und Patientinnen inder inoffiziellen Ökonomie des Wiener Gebärhauses( 1784-1908). In: Schlumbohm[ u. a.] 1998( wie Anm. 7),S. 206-220, hier S. 219.
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Ebd., S. 211, S. 216.
12 J.[ osef] Hollenstein: Aufruf an die Bevölkerung von Lustenau. In: Lustenauer Gemeindeblatt 42, 30,
27.7.1924.
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