Nun wäre es vorschnell, solche Beziehungen ausschließlich der Gegenwart zuzuordnen. Fas-nachtsküchlein, wie immer sie regional heißen, tragen ihre Geschichte in sich, wie NorbertSchindler einmal gezeigt hat. Historisch lassen sie sich als Abgabe von oben orten und in einPrinzip einordnen, das Otto Brunner 1939 in der Beziehung von„ Land und Herrschaft" be-schrieben hatte. Sie wurden von der Herrschaft dem Gesinde, den Insassen von Spitälern,Kindern etc. gegeben. In das vormoderne Prinzip der Gegenseitigkeit gehörend, sind sie alszusätzliche Abgabe für geleistete Dienste gegeben worden. Ihre Einbettung in die Fasnachtals Zinstermin gehörte ins feudale Abgabensystem, in dem das Zehentküchlein seinen Ort inder Verteilungs- und Akzeptanzkultur hatte. Als Rest des„, sozialen Gebäcks" bleibt, dass dieKüchlein von oben nach unten gegeben werden. Die Chefin und der Chef haben die Fa-schingskrapfen zu spendieren.
Beim Fasten, das oben erwähnt wurde, ist die Determinierung durch die Religion als Ver-zicht oder Enthaltsamkeit bis Ostern vielfach verloren gegangen. Doch auch in Zeiten desKörperkultes wird der zeitweise Verzicht auf das Auto als„ Autofasten", der Verzicht vonSpeisen, Getränken und Genussmitteln, Schokolade, Nikotin, Sexualität„ begangen“, so wirdman feierlich sagen dürfen; und dieses Begehen wird gerne der Umwelt mitgeteilt. So lässtsich diese Abstinenz als Gestaltungsmuster historisch und gegenwärtig in vielen Kulten alsRitual ansehen. Es ist eine Ordnungsleistung, die man sich nun selber schafft, indem manZeitabschnitte und Jahreszeiten( nicht nur mit der verlässlich jedes Frühjahr angebotenen,, Brigitte- Diät") einhält. Was da in Gesellschaften im Kollektiv, aber vermeintlich individuellpraktiziert wird, knüpft an die kulturhistorisch belegte Praxis an, die Fastenzeiten meist imFrühjahr zu verorten. Auch wenn Fasten als Therapie neu interpretiert wird, behandelt es altemedizinische oder religiöse Traditionen als neu entdeckt und deutet sie als Gesten der De-mut. Als Übung zur Konzentration etwa mit Yoga verbunden, wird sie als Vorbereitung aufFeste und mit dem Versprechen auf spirituelle Erfahrungen kommuniziert. Die stellen sichbei der Fastensuppe, die die Pfarreien anbieten(„ Suppe essen- Schnitzel zahlen“) und derAktion ,, Sieben Wochen ohne- Verzicht, ein Gewinn“ nicht zuverlässig ein.
Wenn Kultur nun mit dem Aufrichten einer Ordnung zu tun hat, dann wird auch sichtbar,dass Ernährung nicht„, natürlich“, sondern immer gesellschaftlich geregelt, kulturell geformtist. Menschen verhungern neben einer Menge von Essbarem, neben Pilzen, Schwänen undRatten. Präferenzen und Tabus, unser Ekel, sind gesellschaftlich vermittelt. Ist der Menschein Allesfresser, dann bedeutet die Unbestimmtheit der Ernährung des Menschen, dass ersich auf jedes Öko- System einrichten kann.
Narrationen der Lifestyles: Auf dem Weg zum kulinarischen Fundamentalismus
Im Verbund mit dem Körperbewusstsein der Geschlechter hat sich in den Lifestyle eineWeltanschauung eingegraben, in der in Europa die Opposition von Fast Food und Slow Foodfiguriert. Die Literaturen, die sich gegen Fast Food organisiert haben, scheinen ein Monopolzu haben, vergleicht man dies mit der Gegenposition. Eine Kampfschrift, von Eric Schlosserverfasst, kritisiert die„ Fast Food Gesellschaft" durch ,, fette Gewinne" als„ faules System".Slow Food, das sich mit„, Gut, sauber und fair"( buono, pulito e giusto) positioniert, ist eineMännererfindung. Die aus Italien stammende Bewegung gegen Fast Food ist von Carlo Pet-rini 1986 gegründet worden. Als Anlass gilt die Eröffnung eines Restaurants von McDonaldsan der Spanischen Treppe in Rom. Das ist eine gute Story, die den Gegensatz vom Europäi-schen und US- Amerikanischen aufnimmt und als eine Art David- Goliath Parabel anbietet. So
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