Alle diese Züge spiegeln sich nun verstärkt und vergeistigt inGrillparzer wieder.90) Die Aufnahme rein volkstümlicherFormen findet sich in seinen satirischen Vierzeilern 91), die Einbe-ziehung von beobachteten Stoffen in manchen seiner Handlungen,beispielsweise in der Erzählung vom Wallfahrtsquellenorakel desflüchtigen Königs Ottokar 91). Die Stellung zur Mundartforschungund die Verbindung mit Josef Sonnleithner wurde schon erwähnt.Gelegentliche Ausfälle gegen Germanistik und Volkskunde stehen,wie gezeigt, ebenfalls in zeitgemäßen Zusammenhängen, wennauch bei Grillparzer durch sein Verhältnis zur höchsten Persön-lichkeitsliteratur besonders stark unterstrichen. Über alle der-artige Verbindungen gelangt er jedoch in seinen mehrfachen Re-flexionen über Volkscharakter und Volkskultur hinaus. Im Be-reich des Heimisch- Österreichischen hat er, ganz im Sinn der zen-tralistischen Epoche, in der Preisrede Ottokars von Horneck in,, König Ottokars Glück und Ende" die Summe davon gezogen. Fürdas ihm besonders naheliegende Wienerische gibt die Einleitungzum ,, Armen Spielmann" das unübertreffliche Beispiel für dieSteigerung der volkskundlichen Beobachtung in den Bereich desKünstlerischen wie des Philosophischen. Hier wird am ehestendeutlich, weshalb die österreichische Volkskunde der Zeit keinetheoretische Unterbauung notwendig hatte: dieses durchdachteund durchfühlte Betrachten des Volkslebens war in den bestenGeistern der Zeit durchaus organisch vorhanden. Alles weitereAufgliedern eines Satzes wie des ,, Man kann die Berühmten nurverstehen, wenn man die Obskuren durchgefühlt hat" erscheintauch heute noch als überflüssig. Daß Grillparzer übrigens dabeinicht stehenblieb, sondern das Verhältnis des Einzelmenschen zumVolk und die Stellung des Volkes in Übergangszeiten, wie denendes späteren 19. Jahrhunderts, immer wieder ins Auge faẞte, be-zeugen seine Altersdramen. Im„ Ein Bruderzwist in Habsburg"nimmt er in der Person Rudolfs II. nachdrücklich gegen den po-litischen Mißbrauch des Volksbegriffes Stellung; in der„ Libussa"jedoch hat er dem Werden des Großstadtvolkes wesentliche Ge-danken mit auf den Weg gegeben.
Damit überschreitet auch er zeitlich wie geistig wohl denRahmen des Biedermeiers, ohne aber dessen geistige Grundlagenzu verlassen, Man wird im Gegenteil seine letzten Erkenntnissewohl als das Resultat seiner Epoche ansehen dürfen.
Alle seine Zeitgenossen füllten den gleichen Rahmen in je-weils eigener Art stofflich aus. Am bemerkenswertesten erscheintunter ihnen wohl Ferdinand Raim un d, dessen sentimentaleHaltung zu einer unübertrefflichen Begründung der Gefühlslagedes Einzelmenschen gegenüber dem Volkstümlichen wurde. 93) Dasinnere Verhalten der Volksmenschen der Wiener Vorstadt und
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