Vorwort
Österreichische Volkskunde heißt in der Gegenwart eineWissenschaft, die sich nach langen Jahren des geistigen Ringenszu anerkannter Bedeutung durchgearbeitet hat. Ihre Eigenart läßtsich am besten aus ihrer Geschichte verstehen. Wissenschafts-geschichte zu treiben ist hauptsächlich dann begründet, wenn eineDisziplin an einem entscheidenden Punkt ihrer Entwicklung an-gelangt zu sein scheint. Der Historiker seines eigenen Faches wirdin den seltensten Fällen nur aus annalistischem Interesse alleindie Einzeldaten zu ordnen bestrebt sein; ihn wird vor allem dasGefühl bewegen, an einem besonderen Punkt der Entwicklung zustehen, ob es sich nun um einen Gipfel oder um ein Wellentalhandeln mag, ob man vorwärts zu schreiten oder gehemmt zuwerden glaubt; das Gefühl, Rechenschaft ablegen und weiter-weisen zu müssen, wird ihn vor allem treiben.
Aus solchen Erwägungen heraus sind zweifellos auch die bis-herigen Darstellungen der Geschichte der Volkskunde entstanden,wie sie in den beiden letzten Jahrzehnten versucht wurden. Dieösterreichische Volkskunde im besonderen ist noch nie im Zusam-menhang betrachtet worden, sie hat sich bisher stets mit einerSeitenstellung im Gefolge der deutschen Volkskunde begnügenmüssen. Gustav Jungbauer hat sie jedoch in seiner verdienst-vollen Geschichte der deutschen Volkskunde" 1931 betont mit-einbezogen, und auch Arthur Haberlandt in seiner ,, DeutschenVolkskunde" 1935, die hauptsächlich eine Ideengeschichte darstellt.Georg Fischer, der im gleichen Jahr wie Haberlandt in demvon Adolf Spa mer herausgegebenen Sammelwerk ,, Die deutscheVolkskunde" deren Geschichte schrieb, berücksichtigte sie in ge-ringerem Ausmaß. Alle drei Autoren haben aber jedenfalls nichtihre Eigenart gekennzeichnet. Für sie war die österreichischeVolkskunde nichts Selbständiges, sie sahen sie nur als Teil derdeutschen, und dementsprechend auch die Geschichte der For-schung in Österreich auch nur als einen Teil der Geschichte derdeutschen Volkskunde. Das eine ist aber so unrichtig wie dasandere. Die österreichische Volkskunde besitzt seit längster Zeiteine ausgesprochene Selbständigkeit und Eigenart, und ihre Er-forschung nicht minder. Um dies aber verstehen und auch zeigenzu können, mußte erst jener neue Einschnitt in der Geschichteunserer Wissenschaft erreicht werden, in dem wir heute stehen.
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