Die Geschichtswissenschaft hat gerade infolge dieser Erschei-nung eine völlig eigene Wissenschaft, die Geschichtsphilosophie,ins Leben gerufen. Der Volkskunde steht bis heute keine ähnlicheDisziplin zur Seite. Ansätze dazu, in der romantischen wie in dersymbolistischen Periode, sind in Dilettantismus untergegangen 12).Die österreichische Forschung hat sich daran so gut wie nicht be-teiligt. Diese Erscheinung führt allerdings zum Ausgangspunktdieser Einleitung zurück, wo festgestellt wurde, daß nicht theo-retische Erwägungen, sondern das Festhalten der Erscheinungenfür unsere Forschung charakteristisch sei. Es mag sein, daß sichhier, bei der neuerlichen Feststellung dieses Phänomens auf demGebiet der Ziele der volkskundlichen Methodologie der Gedankeaufdrängt, daß hier eben die Erkenntnisgrenze erreicht sei, an derder Wissenschafter den Charakter als erkennendes Subjekt ver-liert. Eine überlieferte Ordnung, und zwar seelischer Art, die ernicht überschreiten kann, setzt ihm hier die Schranke. Geradedurch eine derartige Begrenzung, wenn man sie anerkennen will,wäre allerdings das Feld der realistischen Forschung als Feld derZukunft unserer Wissenschaft um so mehr noch erschlossen.
Die Geschichte der Volkskunde
Diese Art der Erkenntnis aus einer bestimmten Begrenzungheraus kennzeichnet gleichzeitig auch das Wesen unserer For-schungsgeschichte. Freilich wird dies erst erkennbar, wenn mansie nicht romantisch, sondern realistisch sieht. Dafür ist besondersdie Verschiedenartigkeit der Ansetzung des Beginnes ihres Ent-wicklungsganges charakteristisch. Eine rein annalistische Wissen-schaftsgeschichte, wie sie Gustav Jungbauer schrieb¹³),mußte mit den antiken Schriftstellern beginnen, die zwar einebedeutsame Stufe auf dem Weg der Geschichte der Ethnographiedarstellen, aber in gar keiner Hinsicht einen Anfang dessen, washeute Volkskunde genannt wird. Pytheas von Massilia undTacitus sind Völkerkundler, und zwar ungefähr ähnlich wie diedes 18.. Jahrhunderts, mit einer ungeheuren Distanz von ihremForschungsobjekt und einer philosophisch bestimmten Vorein-genommenheit, welche das gerade Gegenteil von Wissenschaftlich-keit darstellt. Arthur Haberlandt setzte dann den Anfangder Volkskunde rein romantisch in die Zeit des Bewußtwerdensder europäischen Nationalitäten und begann mit dem Preisliedder deutschen Art von Walther von der Vogelweide 14); daß dessenpoetisch- politischer Journalismus kein Vorstadium der Volkskundesein konnte, scheint allgemein anerkannt worden zu sein.
Erst Georg Fischer hat einen wissenschaftsgeschichtlichdurchaus möglichen Vorschlag gemacht, indem er die Anfänge derVolkskunde in die Zeit des barocken Rationalismus rückte¹5). Da-
2 Schmidt, Geschichte der Volkskunde
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