Druckschrift 
Geschichte der österreichischen Volkskunde
Entstehung
Seite
11
Einzelbild herunterladen
 

und Handeln.³) Das Gebiet des reflektierenden Lebens ist ja alsäußerst schmal anzusehen; sogar sein eigenstes Bereich, dieWissenschaft, ist keineswegs ganz ohne Bindungen nach der un-reflektierenden Seite. Wesentlich an ihm ist aber, daß es durchseine Aktivität, seinen Reichtum an Anstößen, das gesamte Daseinin irgendwelchen Formen durchwirkt. Das breite Gebiet des un-reflektierenden Lebens dagegen lebt zum allergrößten Teil ausseiner Beharrung heraus und wird von jenen Anstößen nur mit-bestimmt. In ungezählten Fällen erweisen sich die überliefertenOrdnungen als stärker als die anscheinend freigewählten Grund-sätze. In noch mehr Fällen aber sind die Grenzlinien zwischen denBereichen kaum festzustellen, weil ja selbst im Einzelindividuumbeide Bewußtseinsschichten vorhanden sind.4)

Die Scheidung zwischen den psychischen Bereichen ist auchdadurch erschwert, daß es sich bei der Beeinflussung durch dieÜberlieferung stets um das Einwirken einer Mehrzahl von Ord-nungen handelt. Die Annahme vom Vorhandensein selbständiger,einzeln bestehenden Ordnungen hat zu den fundamentalen Irr-tümern der Romantik gehört. In der nationalistischen Zeit derVolkskunde ist gerade diese Irrlehre immer wieder aufgetretenund hat noch dazu Werturteile mit sich geführt. Derartige für sichbestehende Überlieferungsordnungen gibt es jedoch so gut wieüberhaupt nicht. Hier ist auf die große Ähnlichkeit dieser Ord-nungen mit den Kulturkreisen der Völkerkunde hinzuweisen.Obgleich es sich nicht um die gleiche Erscheinung handelt, sondernnur um ähnliche, haben die beiden Begriffe jedenfalls dies ge-meinsam, daß sie zeitlich und örtlich nebeneinander auftretenkönnen, so sehr, daß sich sogar in einer einzelnen Persönlichkeitmehrere Überlieferungen treffen, ja mitunter verletzend schneidenkönnen. Menschen der ersten Großstadtgeneration beispielsweisekönnen an derartigen Zerrissenheiten leiden, die nicht eigentlichseelisch, sondern kulturell gegeben sind.

Zum Verstehen des Begriffes der Volkskunde gehört hierschließlich noch, daß, wie sich bei der historischen Betrachtungderartiger Phänomene ergibt, es sich bei den einzelnen Über-lieferungen um ganz verschiedene Zeitmaße handeln kann; ausder Vielfalt der einzelnen Überlieferungen auch in dieser Hinsichtmuß also das Erscheinungsbild aufgebaut werden, und durchtheoretische Einengung in dieser oder jener Hinsicht würde esnur willkürlich vereinheitlicht, statt in seiner eigentümlichenBuntheit als gültig bestätigt.

Der Umfang der Volkskunde

Dementsprechend muß jedoch der Umfang der Volkskundeauch als bedeutend größer bezeichnet werden, als allgemein an-

11