In diese Umgebung darf man wohl auch die Haltung ein-ordnen, die Virgilius Gleißenberger, der Abt vonOssiach in Kärnten( 1685-1737) in seinem lateinischen Epos ,, DeBoleslao Rege Poloniae, Ossiaci poenitente libri VI" zu kärntne-rischen volksmäßigen Erscheinungen einnahm. Wenn er in dieBüßerfahrt seines Legendenhelden episodenhaft die Einsetzungder Herzoge von Kärnten nach alter Landessitte einschaltet unddabei nicht nur der vollziehenden Bauern, sondern auch ihresSterzes, der„ in Butter schwimmenden Speise des Landvolkes"gedenkt, dann erscheint hier doch eine bedeutsame Annäherungan die volkskundliche Beobachtung erreicht.28) Die geistliche Bin-dung dürfte kaum größer sein als die an die klassische Literatur-sprache.
Über diese Stufe der gebundenen Verwendung volkstümlicherElemente führt der Wiener Weltpriester Johann ValentinNeiner weit hinaus.29) Den Lebensumständen nach weitgehendunbekannt, erweist sich Neiner, der Nachlaßbearbeiter Abrahams,der als Weltpriester etwa bis 1750 gelebt haben dürfte, als einglänzender Kenner des Volkslebens und ein polemisch- satirischerSchilderer desselben, der in sachlicher wie stilistischer Hinsichtseinesgleichen sucht. Volkskundlich ist er von zweifacher Bedeu-tung.30) Die Einbeziehung von volkstümlichen Stoffen, entwederin referierender oder in satirischer Art, teilt er mit seinenPrediger- Zeitgenossen und-Vorgängern. Hier fällt nur seineStoffkenntnis auf, etwa bei der Schilderung eines Paradeisspielesin Wien, 31) und seine kulturkritisch- satirische Ader, beispielsweisebei der Behandlung des Wiener Volksgesanges, der Zeitungs-sänger und ihrer Lieder. 32) Die zweite Seite seiner Schriftstellereibedient sich nicht mehr der narrenhaften oder predigenden Ein-kleidung, sondern erneut die Form der volkskundlich betontenLandesbeschreibung der Humanistenzeit. Das allein davon erhal-tene Zeugnis, die, Vienna curiosa et gratiosa", 1720/21, kanngeradezu als Vorläufer der aufklärerischen Stadtsittenschilderunggelten, seine Kapitel„ Kinderzucht“,„ Sitten“,„ Sprach- undLebenswandel deren Wienerinnen" gehen in der Zielsetzung weitüber das hinaus, was die bisher aufgezeigte Barock- Volkskundegeboten hatte.33) Mit dem„ Neu- Eröffneten Wein- Wirths- Hauẞ"von 1714 hat er gleichfalls ein Thema der Wiener Sittenschilderungangeschnitten, das in allen Epochen der Großstadtvolkskunde vonbesonderer Bedeutung bleiben sollte. Freilich hat Neiner beiseiner ungeheuren Vielseitigkeit und Angeregtheit durch alle ver-wandten Bildungselemente der Zeit, insbesondere die Narren-literatur und den Abenteurerroman, alle diese Stoffe nur berührt,kaum aber einen seiner eigenen Anfänge auch vollenden können.Seine Nachfolger aber sind die Künstler des Hanswursttheaters,
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3 Schmidt, Geschichte der Volkskunde
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